Buch „Ärger mit der Unsterblichkeit“

Lebende Fische, toter Hamster

Andreas Dorau, die Legende der Neuen Deutschen Welle, spricht mit Sven Regener über sein Leben. Die Geschichten sind umwerfend komisch.

Gruppenbild mit Hase: Regener, Dorau. Bild: Galiani/Promo

Als Andreas Dorau vor Kurzem in Japan gastierte, überreichten ihm Fans als Zeichen der Verehrung schöne Geschenke, flaschenweise Alkoholika etwa oder leckere Torten. Die Flaschen bekam er nicht durch den Zoll, aber eine Torte schaffte es bis zu ihm nach Hause. „Die hat sehr gut geschmeckt“, erzählt der Hamburger Musiker. Er sieht zufrieden dabei aus.

Grund dafür ist auch die Veröffentlichung seines Buchdebüts „Ärger mit der Unsterblichkeit“, für das man ihn auch hierzulande reich beschenken sollte.

Und nicht nur ihn, denn verfasst hat das wunderbare Werk Sven Regener, Kopf der Band Element of Crime und Bestsellerautor („Herr Lehmann“). Die beiden kennen sich seit mehr als 30 Jahren und trafen sich für das gemeinsame Buchprojekt während anderthalb Jahren immer mal wieder in Regeners Wohnung.

Dorau erzählte Anekdoten aus seinem Leben, Regener tippte mit und brachte diese Storys in Form. „Mir ist wichtig, dass es sich dabei nicht um eine Biografie handelt“, betont Dorau im Interview. „Biografien sind langweilig. Niemand interessiert sich für die glückliche Kindheit bei Tante Mimmi. Unser Buch besteht aus autobiografischen Erzählungen. Kurze, knackige Geschichten. Sven bezeichnet das Ganze auch als eine Art Schelmenroman, aber dazu kann ich nicht viel sagen, er hat von Literatur mehr Ahnung als ich.“

■ Andreas Dorau und Sven Regener: „Ärger mit der Unsterblichkeit“. Galiani Berlin, 192 Seiten, 16,99 Euro

■ Lesungen: 5. 5. Leipzig, Schauspiel, 12. 5. Hamburg, Fabrik, 18. 5. Hannover, Pavillon, 19. 5. Bremen, Schlachthof, 26. 5. Dresden, Filmtheater Schauburg.

„Fred vom Jupiter“

Der 51-jährige Dorau galt schon früh als Sonderling. 1981 komponierte er als Teenager im Rahmen eines Schulprojekts den Song „Fred vom Jupiter“, der zu einem der größten Hits der Neuen Deutschen Welle wurde.

Da lief aber bereits die Ausverkaufsphase dieses Genres und zu Doraus Leid wurde er mit Mainstream-Künstlern wie Hubert Kah in eine Schublade gesteckt. Später absolvierte er ein Studium an der Filmhochschule in München, versuchte sich im Filmgeschäft und veröffentlichte regelmäßig Alben, die ihrer Zeit entweder weit voraus oder vollkommen aus der Zeit gefallen waren.

Dorau arbeitete als einer der Ersten in Deutschland mit Samples, kombinierte Clubsounds mit Popelementen und legte kleine Meisterwerke mit grandios-bizarren Texten vor. Vieles davon fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, nur mit „Girls in Love“ landete er 1997 erneut einen Hit.

Eigensinnige Kuh

Der Nonkonformist ist stets darauf erpicht, Klischees zu vermeiden und seine ganz eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Dass er dabei oftmals gegen Wände läuft, nimmt er in Kauf. Doraus überbordende Kreativität paart sich mit sympathischer Dickköpfigkeit und Prinzipienreiterei. Wozu diese Kombination führte, wie er sich bislang durch den Kulturbetrieb wurschtelte, auch davon erzählen die Kapitel des Buches.

Beim Lesen schüttelt man immer wieder fassungslos den Kopf und liegt lachend auf dem Boden. Etwa, wenn er von seiner Zeit an der Filmhochschule berichtet: Er will Filme machen, kann aber Schauspieler nicht leiden, deshalb dreht er seinen ersten Übungsfilm ohne sie. Beim zweiten Versuch verzichtet er außerdem auf Handlung, Beleuchtung und Geräusche. Wenn er bei seiner Minioper „Die Überglücklichen“ lebende Fische auf die Bühne werfen lässt, bei der Aufführung mit kurzem Rock und ohne Unterhose auftritt und am nächsten Tag drei Anzeigen am Hals hat. Wenn er für seinen Kinofilm „Die Menschen sind kalt“ Szenen mit einer eigensinnigen Kuh dreht, was die Produktionskosten in die Höhe schnellen lässt.

Es gibt interessante Einblicke in jene historische Epoche, in der die Plattenfirmen noch Geld hatten und Händler mit sogenannten Chartpowergimmicks versorgten: So lässt Dorau zur Bewerbung seiner Single „Stoned Faces Don’t Lie“ zweihundert Steine von einem Künstler mit Gesichtern bemalen und verschickt sie zu horrend hohen Portokosten per Express an Plattenläden.

Aus Versehen Hamster gekillt

Gebracht hat das alles nichts. Auch Schicksale aus Doraus Kindheit gelangen erstmals an die Öffentlichkeit: Mit fünf bringt er aus Versehen seinen Hamster um, einmal beißt ein Dackel dem kleinen Andreas vor Freude in den Hodensack. Wer diese Anekdoten nicht komisch findet, findet gar nichts komisch. Immer, wenn man glaubt, die Gedankenwelt dieses Mannes besser verstanden zu haben, folgt die nächste irritierende Episode. Erzählt wird das mit dem Mut zur Lücke. „Geschichten von sich zu erzählen, ist ja relativ eitel“, erklärt Dorau. „Allein hätte ich das niemals gemacht, das hätte mich beim Schreiben gequält und beschämt.“

Eine bestimmte Leserschaft hatte Dorau nicht im Sinn: „Das ist wie bei meiner Musik: In erster Linie muss es mir selber gefallen. Mir war unter anderem wichtig, dass wir nicht in chronologischer Reihenfolge erzählen, dass auf dem Cover kein Foto von mir erscheint und dass es keine Geschichten aus den Jahren von 2000 bis heute zu lesen gibt, zu denen habe ich noch nicht den nötigen Abstand.“

In den nächsten Wochen präsentieren beide das Buch in einigen deutschen Städten. „Sven kann gut lesen, und ich kann gut Dias und Filme zeigen. Ich spreche dabei zwar auch, aber Sven verwendet über den Abend verteilt mehr Silben als ich.“

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