Britta Habbe über die Rückkehr des Wolfs

„Zecken verursachen mehr Todesfälle“

Niedersachsens Wolfsbeauftragte über verzerrte Vorstellungen, den Schutz von Deichschafen – und warum es ihr nicht schadet, auch Jägerin zu sein.

"Ich bin weder für noch gegen den Wolf", sagt die Biologin Britta Habbe. Bild: Christian Wyrwa

taz: Frau Habbe, haben Sie ebenso viele Feinde wie der Wolf?

Britta Habbe: Das mag sein. Ich nehme das nicht persönlich. Es ist spannend, dass diese Tierart oftmals so emotional diskutiert wird. Wir müssen hinbekommen, sachlich über das Thema zu reden. Die Wölfe sind da und werden auch bleiben.

Was ist der größte Mythos, der Ihnen über den Wolf begegnet?

Viele Menschen haben vom Wolf durch die Geschichten und Märchen ein verzerrtes Bild. Dass Übergriffe auf Nutztiere stattfinden können, ist natürlich kein Mythos. Aber viele haben eine gewisse Angst und ein unwohles Gefühl, wenn sie wissen, dass Wölfe in ihrer Gegend unterwegs sind.

Wie äußert sich das?

Die Menschen fragen sich, ob sie noch joggen gehen können oder was mit ihren Kindern passiert, wenn sie draußen sind. Diese Ängste sind stark durch das Geschichtsbild vom Wolf geprägt…

32, ist Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft Niedersachsen, der die Landesregierung im Jahr 2011 das Wolfsmonitoring in Niedersachsen übertragen hat. Die Biologin studierte in Osnabrück und promovierte in Vechta - Thema: "Immersionsgehege und deren Wirkung auf Zoobesucher".

Durch das Bild vom bösen Wolf?

Genau. Wenn man sich Rotkäppchen anschaut – und das ist ja das prominenteste Beispiel –, dann kommt der Wolf einfach ziemlich schlecht weg. Aber die ursprüngliche Geschichte hatte eine andere Intention. Sie hatte erotische Elemente, der Wolf war da eher ein Sinnbild. Dann haben die Gebrüder Grimm sie aufgegriffen und im prüden Deutschland die Erotik weggelassen – der Wolf wurde zum richtigen Wolf.

Früher gab es allerdings auch echte Konflikte zwischen Menschen und Wölfen.

Ja, und die Ablehnung wird dadurch verständlich. Wenn im Mittelalter ein armer Bauer nur eine Ziege hatte und ein Wolf das eine Tier gefressen hat, dann wusste der Bauer nicht, wie er seine Kinder durchbringt. Dass in so einer Situation gehandelt wurde, kann ich nachvollziehen. Aber heute haben wir ganz andere Möglichkeiten, Wölfe von Nutztieren fernzuhalten.

Kann ich denn jetzt noch joggen gehen, etwa in Diepholz?

Können sie noch. Der Wolf ist natürlich ein Großraubtier, dass dem Menschen von der Kraft her gefährlich werden kann. Aber die weltweite Erfahrung zeigt, dass es sehr, sehr selten vorkommt. Bei den Großprädatoren ist der Wolf derjenige, der am wenigsten Übergriffe auf den Menschen verursacht. Da gibt es Tierarten, die höher im Kurs stehen.

Wildschweine etwa? Vor denen habe ich ziemlich große Angst…

Nein, eher Löwen oder Tiger. Bei uns im Land wäre es die Zecke. Die gehört zwar nicht zu den Großprädatoren, aber verursacht deutlich mehr Todesfälle als der Wolf. Wenn man sich normal im Wald verhält und die Tiere nicht füttert oder versucht anzulocken, dann ist die Gefahr wirklich sehr gering.

Wie sind Sie selbst eigentlich zum Wolf gekommen, Frau Habbe?

Ich bin Biologin und habe während des Studiums viel in Wildparks gearbeitet und Führungen gemacht. Schon da lag mein Fokus auf den heimischen Tierarten. Jedes Kind kennt Löwe, Tiger und Elefant, aber beim Fischotter, Waldkauz oder der Schleiereule wird es schon schwierig. Deswegen stand ich auch öfter vor Wolfsgehegen und habe über dessen Rückkehr nach Deutschland berichtet. Als ich dann meinen Jagdschein machte, habe ich mitbekommen, dass die Landesjägerschaft die Stelle für das Wolfsmonitoring ausschrieb.

War es eine Voraussetzung, dass Sie Jägerin sind?

Geschadet hat es bestimmt nicht. Und es macht auch Sinn, dass man sich jagdlich auskennt.

Inwiefern?

Weil sich viele spannende jagdliche Fragen zum Thema Wolf ergeben: Wie ist die Auswirkung auf das Schalenwild, wird deren Bestand durch den Wolf reduziert? Ändert das Wild sein Verhalten?

Und?

Wir haben erst seit 2011 die Bestätigung für ortstreue Wölfe. Für eine wissenschaftliche Bewertung ist das ein zu kurzer Zeitraum. Aber es wird berichtet, dass sich das Wild heimlicher verhält und die Tiere wacher werden.

In Mecklenburg-Vorpommern hat die Jägerschaft jüngst gefordert, den Wolf ins Jagdgesetz aufzunehmen. Umweltverbände laufen dagegen Sturm. Was ist Ihre Position?

In Niedersachsen gibt es solche Forderungen nicht. Man kann ja schon jetzt sogenannte Problemwölfe entnehmen. Das ist im Management-Plan vorgesehen, wenn sich tatsächlich Individuen herauskristallisieren, die zu nah an Menschen gehen und dreistes Verhalten zeigen. Das gilt auch für Tiere, die gegenüber Nutztieren auffällig sind, indem sie immer wieder eigentlich sichere Zäune überwinden.

Ich dachte, der Wolf sei maximal schutzbedürftig.

Die Sicherheit des Menschen hat immer oberste Priorität.

Trotz Washingtoner Artenschutzabkommens, Berner Konvention und Bundesnaturschutzgesetz?

Ja, mit Ausnahmegenehmigung würde das über die Naturschutzbehörde laufen. Generell kann eine darüber hinausgehende Bejagung als Managementmaßnahme bei Großraubtieren dazu beitragen, eine gewisse Akzeptanz zu schaffen. Heute ist der Wolf so streng geschützt, dass viele das Gefühl haben, er breitet sich aus und man kann nichts machen. Wenn irgendwann die Population ausreichend groß ist und eine Bejagung zugelassen würde, bekäme man wieder das Gefühl, mitbestimmen zu können.

Der Naturschutzbund Nabu ist strikt dagegen.

Man muss ganz klar sagen, dass die Population aktuell noch viel zu gering ist. Irgendwann aber wird man einen günstigen Haltungszustand erreicht haben. Wie dann weiter verfahren wird, wird wohl auf politischer Ebene in Brüssel entschieden. Die Probleme der Nutztierhalter allerdings würden sich durch die Bejagung nicht lösen. Denn ein Ausrotten wird es wohl nicht mehr geben.

Wie ist aktuell die Ausbreitung des Wolfes im Land Niedersachsen?

Das Kernvorkommen ist in der Heideregion. Auf dem Truppenübungsplatz Munster konnte 2012 das erste Rudel bestätigt werden. Dann haben wir auf dem Truppenübungsplatz Bergen ein Paar, das Nachwuchs hat. Ebenso in Unterlüß auf dem Rheinmetall-Gelände und in Eschede. Auch in Gartow ist ein Wolfsrudel ansässig. Im Raum Fuhrberg sowie im Landkreis Cuxhaven ist jeweils ein territoriales Paar bekannt, im westlichen Niedersachsen, in der Grafschaft Bentheim, gehen wir von einem einzelnen, ortstreuen Tier aus. Die letzten Vorkommnisse, wo es auch um Risse ging, waren im Raum Diepholz in Richtung Vechta. Die Ergebnisse genetischer Analysen, die einen Wolf als Verursacher bestätigten könnten, stehen aber noch aus. Generell kann also jederzeit überall in Niedersachsen ein Wolf auftauchen. Egal, von wo aus ich einen Anruf bekomme – es ist möglich.

Überprüfen Sie alle diese Hinweise?

Wir haben in jedem Landkreis mittlerweile zwei ehrenamtliche Wolfsberater, die vom Umweltministerium benannt sind. Die sind für die örtliche Bevölkerung die ersten Ansprechpartner. Aber ich fahre auch raus, wenn es etwa nach einer Sichtung noch eine Fährte im Sand gibt oder eine Losung – einen Kothaufen.

Man verwechselt ja den Wolf schnell mit Hunden.

Genau, deshalb ist eine Sichtung kein Nachweis. Wir sammeln diverse Meldungen von Spuren, Fotos, Rissen und überprüfen sie auf Nachweiskraft. Aufgabe des Wolfsmonitorings ist es, die Population zu überwachen. So ist es auch im niedersächsischen Wolfskonzept aufgeführt, welches das Umweltministerium 2010 herausgegeben hat. Da sich seitdem schon vieles verändert hat, wird das Konzept gerade aktualisiert und fortgeschrieben.

Wo muss denn nachgebessert werden?

Zum Beispiel sind die Handlungsabläufe bei einem Unfall mit einem Wolf noch nicht flächendeckend geregelt. In den Landkreisen mit Wolfsvorkommen läuft das jetzt über die Polizei. So etwas muss etabliert werden – auch die Frage, was mit verhaltensauffälligen Wölfen passiert.

Sie haben von Rudeln gesprochen. Gehört es nicht in den Bereich der Legenden, dass sich Wölfe in der freien Wildbahn um einen Leitwolf scharen?

Ein Wolfsrudel ist erstmal eine Gruppe von Wölfen – eigentlich immer eine Familie. Es gibt schon ein Leitpaar: das Elternpaar. Das Rudel grenzt sein Revier gegenüber fremden Wölfen ab, die Welpen bleiben so lange bei den Eltern, bis sie mit etwa ein oder zwei Jahren geschlechtsreif sind. Ab da suchen sie sich ein eigenes Gebiet. In einem Rudel laufen also die Elterntiere, die Jährlinge und die Welpen aus dem aktuellen Jahr mit.

Und wie groß wird so ein Rudel?

Pro Wurf sind bis zu elf Welpen möglich, ein Rudel könnte also über 20 Tiere erreichen. Aber das ist in Deutschland noch nicht vorgekommen. In Hochzeiten haben wir bis zu 15 Tiere, die zusammen unterwegs sind, im Schnitt sind acht Wölfe in einem Rudel.

Jagen die Wölfe auch zusammen? Ich denke da an das Bild des Rudels, das das Beutetier umzingelt und einkreist …

Jein. Nur die Elterntiere haben Jagderfahrung und geben sie an ihren Nachwuchs weiter. Gerade erst wurde mir von einer Situation in Niedersachsen berichtet, bei der die beiden starken Wölfe ein Rehwild hetzten und die sechs jungen Wölfe auf dem Berg standen und zuschauten. Das ist eine Situation, die man hier durchaus im Winter erleben kann. Aber Rudel üben keine strategische Jagdmanöver ein. Die Wissenschaft streitet darüber, aber belegt ist es nicht.

Von woher sind die Wölfe nach Niedersachsen gekommen?

Die Fähe, die sich auf dem Truppenübungsplatz Munster niedergelassen hat, kommt aus Sachsen, aus dem Nochtener Rudel. Das haben wir über genetische Untersuchung herausgefunden. Andere Wölfe kamen aus Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Aber wir haben jetzt auch schon Welpen, die selbst in Niedersachsen geboren sind. Letztes Jahr hatten wir im Emsland eine Fähe, von der wir vermutet haben, dass sie aus Westpolen direkt dorthin gelaufen ist.

Eine ganz schöne Strecke…

…aber durchaus machbar. Wölfe können ungefähr 70 Kilometer in einer Nacht überwinden. Auch ortstreue Wölfe sind viel unterwegs, sie haben ja generell relativ große Streifgebiete. Ein Rudel ist in Deutschland auf etwa 200 bis 300 Quadratkilometern unterwegs.

Nicht nur in Niedersachsen weisen Gegner des Wolfes auf die dichte Besiedelung hierzulande hin: Dadurch sei ein Zusammenleben mit dem Wolf nicht möglich.

Dass hier biologisch gesehen durchaus Platz für die Tiere ist, zeigt sich allein durch ihre Ansiedlung. Wir müssen uns aber als Gesellschaft fragen, wie viel wir bereit sind zu investieren. Klar ist es Mehraufwand in so einer Landschaft, wo viel Tierhaltung im Weidebereich auf enger Fläche ist.

Gibt es Regionen in Niedersachsen, wo es schwieriger wird?

Das wird sich herausstellen. In Niedersachsen gibt es Haltungsformen von Nutztieren, die es in anderen Regionen nicht so gibt. Ob man zum Beispiel die Schafe auf den Deichen vernünftig schützen kann, können wir noch nicht sagen. Auch gibt es Schafhalter, die Sommer- und Winterweiden haben und an den Küsten sind viele Koppeln nur durch Gräben begrenzt. In diesen Ecken muss viel investiert werden.

Kürzlich hat die Landesregierung im Rahmen einer Richtlinie 100.000 Euro pro Jahr zur Verfügung gestellt: für Entschädigungszahlungen und Schutzzäune.

Billigkeitsleistung, nicht Entschädigung.

Stimmt, weil es kein Rechtsanspruch ist – ein Punkt, den die Schäfer kritisieren. Und ebenso, dass 100.000 Euro nicht ausreichen.

Inwiefern?

Der Landesschäfer-Verband beklagt Mehrarbeit, die nicht zu leisten sei. Und dass Investition in neue Zäune für viele Schäfer zu teuer seien, auch wenn bis zu 80 Prozent übernommen werden sollen.

Man hat sich an den anderen Bundesländern orientiert: Dort ging der jährliche Bedarf nicht über 60.000 Euro hinaus. Laut Umweltministerium soll nachgelegt werden, wenn es zu knapp wird. Dass es leicht wird, hat niemand gesagt. Letztendlich ist es eine natürliche Entwicklung, die sich hier vollzieht. Es war eine politische Entscheidung, solche Tierarten, die ausgerottet waren, unter Schutz zu stellen, damit sie sich wieder ansiedeln können.

Die Schäfer sagen: „Ihr“ seid für den Wolf, dann könnt „Ihr“ auch dafür bezahlen.

Ich bin weder für noch gegen den Wolf. Niemand hat den Wolf bestellt, auch das Umweltministerium nicht. Sie führen aus, was auf EU-Ebene rechtlich beschlossen ist. Die Richtlinie ist ein wichtiger Schritt, um Konflikte zu reduzieren.

Ab welcher Population würden Sie sagen, dass sich der Wolf in Niedersachsen wieder etabliert hat?

Zur zentraleuropäischen Flachlandpopulation zählen alle deutschen und westpolnischen Wölfe. Eine Bewertung findet auf dieser Ebene statt. Für einen günstigen Erhaltungszustand ist momentan neben vielen weiteren Kriterien eine Individuenanzahl von mindestens 1.000 erwachsenen Wölfen festgelegt.

Und wieviele sind es jetzt?

In Deutschland haben wir knapp 40 Territorien, also 80 erwachsene Wölfe, in Polen ungefähr nochmal das Gleiche.

Wie schnell breiten sich die Wölfe aus?

Es geht sehr zügig. Wir haben in Deutschland einen Zuwachs von etwa 30 Prozent. Momentan sind die Wildbestände gut und es ist noch viel Platz. Für eine Population, die sich in der Ausbreitung befindet, ist das optimal.

Dann könnten sich die Wölfe bereits in fünf Jahren etabliert haben?

Das ist schwierig vorauszusagen. Es wäre möglich, aber es können zum Beispiel immer Krankheiten dazu kommen. Wir müssen das abwarten.

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