Britischer Außenminister zu Afghanistan: Raab in der Defensive

In einer außerordentlichen Sitzung musste sich Dominic Raab Kritik zur Afghanistan-Strategie stellen. Zuvor wurde sein Rücktritt gefordert.

Dominic Raab

Dominic Raab in London, 01.09.2021 Foto: Henry Nicholls/reuters

LONDON taz | Trotz Sommerpause musste sich der britische Außenminister Dominic Raab am Mittwoch in einer außerordentlichen Sitzung des parlamentarischen außenpolitischen Ausschusses Westminsters wegen des Debakels in Afghanistan verantworten. „Nach dem Abzug im August wurde eine zunehmende Verschlimmerung der Lage angenommen“, sagte Raab.

„Dass aber vor Ende des Jahres Kabul in die Hände der Taliban fallen würde, wurde auch von unserem Nachrichtendiensten als unwahrscheinlich verstanden.“ Alle hätten den Abzug und dessen Konsequenzen zu optimistisch eingeschätzt. Raab gestand jedoch, dass die Nato aus dieser Fehleinschätzung lernen müsse.

Vor der Sitzung hatte die oppositionelle Labourpartei von einem neuen „Suezkrisenmoment“ gesprochen, mit Verweis auf den internationalen Konflikt in Ägypten 1956. So wurde vielfach Raabs Rücktritt gefordert, weil dieser auch nach Ausbruch der Krise in Afghanistan seinen Urlaub auf Kreta nicht vorzeitig abgebrochen hatte.

Der Außenminister aber gab sich während der fast zweistündigen Sitzung gelassen und erwiderte auf die Vorwürfe, dass er im Nachhinein nicht in den Urlaub aufgebrochen wäre.

Beschwichtigungen des Außenministers

Tom Tugenhat, der konservative Vorsitzende des Ausschusses und ein Veteran Afghanistans, konfrontierte Raab mit einer Risikoeinschätzung seines eigenen Ministeriums vom 22. Juli diesen Jahres. In ihr wurde vor „rapiden Gewinnen der Taliban“ nach dem Rückzug der US-Nato-Truppen gewarnt, „die zum Fall von Städten und dem Kollaps der Sicherheitskräfte führen könnten“, sowie „zu Massenvertreibungen und signifikanter humanitärer Not.“

Das britische Außenministerium gab an, dass der Bericht nicht von besonderer Maßgeblichkeit gewesen sei, weil er sich auf öffentliche Quellen bezogen hätte statt auf Nachrichtendienste.

Auf die Frage, wie viele zur Ausreise berechtigte Personen in Afghanistan zurückgeblieben sind, zeigte sich Raab ratlos. Einige wenige Hunderte, gab er an, und unterstrich, dass die meisten Personen evakuiert seien. Insgesamt hätten die Briten 17.000 Menschen evakuiert. Seit März hätte er zudem über 40 Treffen oder Telefongespräche zum Thema Afghanistan geführt. Er würde noch am Abend nach Pakistan und Qatar fliegen, um weitere Evakuierungen über Landbrücken zu koordinieren, beschwichtigte der Außenminister weiter.

Eine typisch britische Frage, ob die Queen gefährdet sei, weil ein Portraitbild von ihr in Kabul zurückgelassen wurde, dementierte Raab. Normalerweise würde Derartiges vor Verlassen der Botschaft vernichtet.

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