Britische Medien empört

Boris Johnsons Gängelei

Großbritanniens Premier schloss einige Journalisten von einem Hintergrundbriefing aus. Aus Protest boykottierten alle Medien den Termin.

Dominic Cummings von hinten mit Buch

Die Rache: Unvorteilhafte Fotos von Chefberater Dominic Cummings in Downing Street, Dienstag Foto: reuters

LONDON taz | Wie kleine Kinder im Schulhof – so beschrieb Politikredakteurin Pippa Crear vom linken Daily Mirror die Szene in Downing Street, dem Amtssitz des britischen Premierministers, am Montag: Die einen auf die eine Seite des roten Teppichs geordert, die anderen auf die gegenüberliegende, mit dieser Selektion hatte sich Pressechef Lee Cain erlaubt, sich unter den britischen Parlamentskorrespondent*Innen nur die Erwünschten auszusuchen.

Es ging um einen Pressehintergrund über Großbritanniens Handelsvorstellungen mit David Forst, dem britischen EU-Verhandlungsführer. „Es tut mir leid, nur jene mit Einladung dürfen reinkommen, die anderen müssen gehen“, so die Worte Cains. Abgewiesen wurden kleinere kritische Medien wie Independent oder Huffington Post, aber auch die Times und der Daily Mirror.

Normalerweise dürfen zu den „Lobby Briefings“ der Regierung alle Journalist*innen dazustoßen, die wollen, so war es bisher Brauch in Westminster. Nun sagte Cain: „Wir können briefen, wen und wann wir wollen.“

Auch die Journalist*innen hatten am Montag eine Antwort. Sie verließen Downing Street geschlossen, egal ob eingeladen oder nicht, und ließen Cain und Frost alleine stehen. Selbst die Kolleg*Innen regierungstreuer Medien wie Daily Mail und Daily Telegraph gingen. Ein Akt der Solidarität und des Protests.

Lange Liste von Kontrollversuchen

Die Brüskierung vom Montag war nur das neueste Kapitel in einer langen Liste von Kontrollversuchen aus dem engsten Regierungskreis. Dieser steht unter Boris Johnson unter dem Diktat seines Chefberaters Dominic Cummings. Zu Jahresanfang hatte er die Hintergrundgespräche der Regierung, die normalerweise im Parlamentsgebäude stattfinden, nach Downing Street verlagert, wo der Zugang besser eingeschränkt werden kann. Zahlreiche Medien beschwerten sich darüber.

Vergangene Woche wurde der Daily Mirror von einem Informationsevent ausgeschlossen. Eine Beschwerde an Kabinettsdirektor Mark Sedwill ist bis heute unbeantwortet.

Johnson Kabinettsminister unterliegen seit Neustem strikten Verboten, in bestimmten Live-Programmen zu erscheinen, von der tiefgründigen Nachrichtensendung „Today“ bei BBC Radio 4 bis zur quasseligen ITV-Morgenshow „Good Morning Britain“. Der eher linke Privatsender Channel 4 wird komplett boykottiert. Die Ansprache Johnsons an die Nation zum Brexit am 31. Januar wurde von seinem Pressestab aufgezeichnet und verbreitet, nicht wie sonst von den großen Sendern BBC und ITV.

Spione in der Mittagspause

Darüber hinaus soll ein Verbot für Regierungsmitglieder bestehen, sich mit Reporter*Innen informell zu treffen. Berichten zufolge hat Cummings ein „Netzwerk von Spionen“ aufgestellt, das Regierungsberater in den Mittagspausen überwachen soll.

Wer sich die Presse zum Feind macht, muss sich nicht darüber wundern, was am nächsten Tag in den Medien steht. Viele Zeitungen berichteten am Dienstag über den Streit vom Montag auf den Titelseiten. Altgediente Kolumnisten schrieben, das habe es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Am Dienstag war beim täglichen Hintergrundbriefing zunächst wieder alles beim Alten.

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