: Bremen hat eine zweite Leiche im Hafen
■ Der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft fehlen 70 Mio. Mark und die Zukunft
Bremen (taz) – Am Containerterminal im Seehafen Bremerhaven brummt der Umschlag. Doch die Bremer Lagerhaus-Gesellschaft (BLG) macht Miese: 20 Millionen Mark Verlust hat das städtische Unternehmen allein 1996 gemacht. Die BLG betreibt im Stadthafen von Bremen und dem Seehafen von Bremerhaven Schuppen, Halden, Kräne und wickelt den gesamten Umschlag ab. BLG-Vorstandschef Hans-Heinrich Pöhl hat nach dem erneuten schlechten Ergebnis seinen 2.700 Arbeitnehmern per Brief den Ernst der Lage geschildert: Die BLG sei „in einer existentiellen Krise“. Die Kosten müßten um 70 Millionen Mark gesenkt werden. Sonderleistungen für die Hafenarbeiter werden gestrichen.
Die Betriebsräte und Pöhl verhandeln daher über flexiblere Arbeitszeiten und Schichtsysteme. Die Beschäftigten sollen nur noch dann kommen, wenn tatsächlich Schiffe anlegen, was im Bremer Hafen nicht allzuoft der Fall ist. Der Betriebsrat will mitziehen, aber die Grundlöhne verteidigen und „Arbeiten auf Pfiff“ verhindern. Der BLG-Vorstand will hingegen die alten Hafenbecken in der Stadt aufgeben.
Seit Jahren fordern die wechselnden Oppositionen in der ehemaligen SPD-Hochburg Bremen eine marktwirtschaftliche Reform der BLG. Das Verlustunternehmen gehört zu 50,4 Prozent Bremen und zu 25,2 Prozent der Bremer Sparkasse. Aufsichtsrat und SPD-Hafensenator Uwe Beckmeyer stellte die Kritiker aber stets mit dem Argument des steigenden Hafenumschlags ruhig.
Seit einigen Wochen jedoch sickern Ergebnisse eines Gutachtens der Mercer-Unternehmensberatung durch. Sie sind vernichtend: Die Preise für das Containerhandling rutschen 1997 um 13 Prozent, das kostet die BLG 15 Millionen Mark. Die Reedereien werden sich zu Konsortien zusammenschließen, die mit ihren Container-Riesen in Nordeuropa nur Rotterdam und Hamburg anlaufen. Bremerhaven könne nur durch Preiszugeständnisse mithalten. Geld macht die BLG zwar noch mit dem Auto- Umschlag (1996 fast 900.000 Fahrzeuge), aber auch dies bewerten die Gutachter skeptisch. Schlimm sei die Lage beim Stückgut wie Röhren, Baumwolle oder Holz – früher die Stärke der bremischen Häfen. Der Umschlag sei in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte geschrumpft. Die BLG habe sich zudem nie auf bestimmte Güter spezialisiert.
Neben dem harten Konkurrenzkampf der Nordseehäfen sind die Gründe für die Flaute an der Weser hausgemacht. Denn die BLG ist kein richtiges Unternehmen. Auf Rechnung der Stadtgemeinde Bremen bewirtschaftet sie die Hafenanlagen, darf Gebäude und Gelände mietfrei nutzen und hat obendrein ein Monopol für den Hafenumschlag in den Bremer Freihäfen. Im Gegenzug war der Weg zu einem modernen Logistik- Dienstleister versperrt. Hamburg hatte seine städtische Lagerhaus- Gesellschaft schon vor zehn Jahren privatisiert. Die BLG war dagegen lange Jahre ein Musterbetrieb für die Bremer Allianz zwischen Politik, Unternehmern und Gewerkschaften. Aus dieser Zeit stammt auch die größte Altlast der BLG: geschätzte 600 Millionen Mark Zusatzpensionen für 3.000 Ruheständler. Die soll die Stadt übernehmen, damit die BLG dann im Wettbewerb bestehen kann. Die Stadt hat das bisher abgelehnt. Joachim Fahrun
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