Braunkohle-Tagebau Garzweiler: Mit Triole gegen Kohle

Am Braunkohle-Tagebau Garzweiler wird der Herbst des Widerstands ausgerufen. Das Polit-Orchester Lebenslaute legt die Förderbänder still.

Eine musizierende und singende Gruppe wird von zwei Polizisten umstellt

Singende und Musizierende: Lebenslaute im Tagebau Garzweiler am Sonntag Foto: David Young/dpa

AACHEN taz | Ansgar, Chorsänger aus Freiburg, verließ am späten Sonntagabend als einer der letzten unter prasselndem Applaus die Gefangenensammelstelle des Aachener Polizeipräsidiums. Ansgar war einer der 23 vorläufig Festgenommenen, die um sechs Uhr morgens mit fast hundert Leuten im Tagebau Garzweiler, so die Polizeimeldung später, „gemeinsam zu musizieren begannen und sich als Aktionsgruppe Lebenslaute zu erkennen gaben“. Das eigene Motto war prosaischer: „Mit Achtel und Triole gegen Klimakiller Kohle.“ Für einen halben Tag standen die Bänder still. „Bach-Suiten unter dem Förderband“ hatte Lebenslaute schon am Morgen aus dem Loch gemeldet.

Jetzt, nach Sonnenuntergang, sangen, geigten und bliesen die Lebenslaute-MusikerInnen vor dem Präsidium, wann immer sich das Metalltor öffnete. Manche lachten vor Erleichterung, Ansgar wirkte angeschlagen: „Das Ganze war dermaßen erniedrigend. Drinnen war ich tapfer, aber hier draußen musste ich erst mal heulen.“ Nach vielen Stunden Leibesvisitation, Fotoshooting, Fingerabdrücken.

Lebenslaute, das bundesweite Polit-Orchester, hatte 2014 den renommierten Aachener Friedenspreis bekommen. Jetzt berichteten die Ensemble-Mitglieder von demütigendem Verhalten der Aachener Polizei: stundenlange Isolation in abgeriegelten Einzelzellen, sehr zufällige Blicke männlicher Polizisten bei der Nacktkontrolle der Frauen. Ein Mitglied hatte erfolgreich den Chip seiner Filmkamera im Schuh versteckt. Darauf Szenen der gewalttätigen Angriffe von RWE-Leuten im Tagebau. Vier verletzte MusikerInnen gab es am Ende.

Am Wochenende war in Lützerath im Rheinischen Revier der Herbst des Widerstands ausgerufen worden. Auf dem kleinen Erdwall zum Loch hatten die AktivistInnen von „Alle Dörfer bleiben“ mit Holzschildern die 1,5-Grad-Grenze markiert. Bis hierhin und nicht weiter. Bazon Brock, 85, Philosoph und Ikone der Politkunst, hielt am Kraterrand einen fast zweistündigen Monolog, klug, anklagend, unterhaltsam: „Der Abgrund ist eine beliebte, große Metapher. Heute ist der größte Wunsch der kleinen Leute, am Fernsehen dem Weltuntergang zusehen zu können, die Faszination der schöpferischen Zerstörungsarbeit. Dabei waren Großtaten der Menschheit immer das Unterlassen.“ Luisa Neubauer von Fridays-For-Future sagte: „Alle Dörfer bleiben – Armin Laschet muss es nicht.“ Dann zogen dutzende der rund tausend Leute über Seilwinden ein zuvor gezimmertes Baumhaus in die Höhe.

Hundert Meter weiter, direkt vor dem Loch, steht wie ein Trutzsymbol der 250 Jahre alte Hof von Eckhardt Heukamp, dem RWE ans Gemäuer will. Heukamp klagt dagegen. 90.000 Euro, sagt er der taz, werde sein Verfahren kosten, vor allem durch teure Gutachten. Erzählte es und ging arbeiten. „Ich muss unbedingt noch dreschen, bevor wieder Regen kommt.“ Heukamp will auch 2022 noch reichlich dreschen.

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