Bonn-apart: Briefbogenaffäre, transatlantisch
■ Bill Clinton düpiert Helmut Kohl – oder umgekehrt?
Schon wieder eine Briefbogenaffäre, nur diesmal transatlantisch. Ihren Ausgang nahm sie am Montag beim Abendessen der EG-Regierungschefs in Kopenhagen. Seine Plädoyers für eine Aufhebung des Waffenembargos gegen Bosnien fruchteten nicht, da zog Helmut Kohl einen Brief aus der Tasche. Absender und Unterzeichner: US-Präsident Bill Clinton. Inhalt: die eindeutige Bitte, auf dem EG-Gipfel für Waffenhilfe für die Moslems zu werben. Ehrensache für den Kanzler, dieser Bitte zu folgen. Kohls 11 Kollegen, offenbar in weniger enger Brieffreundschaft mit Clinton verbunden, waren überrumpelt. Sie hatten keine Briefe aus Washington bekommen. Auch Kohl-Mitarbeiter waren überrascht. Mochte das noch erträglich sein, so wurde es für den Kanzler und seinen Brieffreund am Mittwoch richtig peinlich. Kaum war Kohls Kopenhagener Vorstoß bekannt, versuchten das Weiße Haus und das Außenministerium in Washington das Schreiben zum non-paper zu erklären: So habe man das alles nicht gemeint. Keine direkte Aufforderung an den deutschen Regierungschef habe man schicken wollen, sondern nur eine allgemeine Bekräftigung der amerikanischen Position. Viele Fragen taten sich auf. Weiß Bill Clinton, welche Briefe er unterzeichnet? Verteilt er an seine Mitarbeiter Blankobögen? Heißt der neue Staatschef im Weißen Haus Jürgen W. Möllemann? So oder so: In Bonn, wo sich Kohl seit den Zeiten von George Bush als partner in leadership fühlte, sitzt man jetzt mit Partner Clinton in der Patsche. „Erstaunlich“, „seltsam“, „merkwürdig“ findet man in Bonn die Reaktion aus Washington. Rivalitäten zwischen dem Nationalen Sicherheitsrat des Präsidenten und seinem Außenminister, so wird in Bonn gemutmaßt, könnten dahinterstecken. Eines jedenfalls könne Bill Clinton kaum gemeint haben: „Herr Kohl, ich unterstütze Ihre Position, aber verraten Sie das nicht.“ Oder doch? Hans-Martin Tillack
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