■ Bonn apart: „Sammlung der Mitte“
Bisher haben wir die täglichen Berichte aus dem Kanzleramt wie Comics gelesen. Noch am Abend vor dem Fernseher haben wir gekichert über die schönen Sprechblasen von Hintze, Huber und Hoyer und uns gewünscht, Titanic möge die Republik nach „Genschman“ und den „roten Strolchen“ bald mit einer lustigen Bildchenfolge über die „Drei von der Zankstelle“ beglücken. Bis sie dann schriftlich vorlagen, die in „Rekordzeit“ zusammengeschusterten 50seitigen Koalitionsvereinbarungen. Spätestens da ist uns das Kichern vergangen. Wo eigentlich die Themen auf den Nägeln brennen, laden die Koalitionäre zu einem heiteren Rätselraten ein. So wollen sie sich etwa im Ausländerrecht „rechtsschöpfend betätigen“ oder die Zahl der amtlichen Statistiken auf das „unbedingt notwendige“ begrenzen. Nach der Lektüre wissen wir zum Beispiel auch, daß die geplante Steuerreform neben wachstumsbedingten Steuermehreinnahmen über eben „Umschichtungen im Steuersystem“ sowie einer „Verbreiterung der Bemessensgrundlage“ finanziert werden soll.
Wem Personen genügen, der hat's leichter. Daß Helmut Kohl in seinem Kabinett mehr als Kontinuität dokumentiert, mag die „Sammlung der Mitte“ beruhigen. Doch damit zur schlechten Nachricht. Angestachelt von der Kulturindustrie, die sich ein ganzes Beraterteam engagiert hat, um der jungen Generation über ihre Identitätsprobleme hinwegzuhelfen, hat sich nun auch der Kanzler ein PR-Talent in Sachen Jugend ausgesucht. Nein, natürlich kein Grunge-Edelpaket mit Ziegenbart, ungewaschenen Haaren und schmutzigem T-Shirt! Die neue Familienministerin, 28, selbstverständlich studiert, verheiratet und mit Kind, fährt zwar VW Polo und trägt leidenschaftlich gerne Jeans, könnte aber mit ihrer stockkonservativen und rabenschwarzen Einstellung wohl der Adenauer- Generation ernsthaft Konkurrenz machen. Sie verkörpert wie keine zweite das traditionelle Familien- und Frauenbild der Union, sie zeigt auch der jungen Generation, wo es langgehen soll. Heute habe die Jugend alle Chancen, verriet Deutschlands jüngste Ministerin Bild, die No- future-Generation gebe es nicht mehr. Nun ahnt man auch den Grund: Die Generation X existiert überhaupt nicht. Das Rasterbild einer Jugend, die zutiefst „entfremdet“ ist, gelangweilt und orientierungslos, keine Perspektive hat, ist in Wahrheit nur ein Phantom. Danke, Helmut Kohl! Erwin Single
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