piwik no script img

Das Portrait„Blödes System“

■ Andrea L.

Der Italiener Andrea L. studiert seit 12 Semestern Jura an der FU Berlin

Für mich war nach der Schule klar, daß ich zum Studieren ins Ausland gehe. Ich kam nach Deutschland, weil ich die Sprache interessant fand – außerdem hatte ich ein Faible für Kant und Goethe.

Als ich mein Studium anfing, wußte ich leider nicht, daß es in Deutschland Staatsexamen gibt. Denn es ist natürlich ein Problem, daß die Uni nicht auf diese Examensprüfung vorbereitet. Es werden Seminare angeboten, zu denen keiner hingeht, weil man nicht das lernt, was man später für die staatliche Prüfung braucht. Und letztlich bezahlen fast alle Jurastudenten einen privaten Repetitor, der sie auf das Staatsexamen vorbereitet – das kostet 'ne Menge Geld und ist doch eigentlich ein blödes System.

Die Uni macht es ausländischen Studenten besonders schwer. Ich hatte mit dem Schreiben Probleme, obwohl ich den Sprachtest ohne Schwierigkeiten bestanden hatte. Die Uni machte daraufhin Auflagen: Ich bekam Pflicht-Nachhilfe und Extra- Sprachkurse, schaffte deshalb aber nicht alle nötigen Kurse und mußte das erste Semester wiederholen. Normalerweise bekommt man einen Freischuß, wenn man nach dem achten Semester fertig ist. Das bedeutet: Man hat einen Versuch, der aber nicht gewertet wird, wenn man die Prüfung vermasselt. Wegen dem Wiederholungssemester war ich aber erst nach dem neunten fertig. Der Freischuß wurde mir gestrichen. Da hat man überhaupt keine Rücksicht genommen. Seitdem habe ich ein wenig Bammel, mich zum Examen anzumelden – ich habe ja eine Chance weniger.

Ein Problem für mich sind die schriftlichen Hausarbeiten. Dafür muß ich mir viel Zeit nehmen. Das geht aber nicht, weil ich arbeiten muß, um mir das Studium zu finanzieren. Einfacher wäre es, wenn man nach jedem Semester eine Prüfung machen müßte, wie in Frankreich oder Italien.

Von meinen Freunden und Bekannten in Italien kenne ich keinen, der in Deutschland studieren möchte. Die, die ins Ausland gehen, entscheiden sich für England oder die USA, dort, wo die anerkannten Elite- Unis sind. Ich selbst bereue es manchmal, in Deutschland Jura zu studieren. Ich habe oft überlegt, abzubrechen und in Italien weiterzustudieren. Mein Problem: Dort wäre ich vom Militär eingezogen worden. Aufgezeichnet von

Nicol Ljubic

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen