■ Querspalte: Blindbände
Die deutsche Fahne hatten sie zugunsten einiger Festmeter Leibniz, Clausewitz oder Ostfriesenwitz weggelassen. Was immer auch in Leder gebunden da hinter dem Bundeskanzler im Regal gestanden haben mag (Blindbände?), es kann nicht halb so hohl und leer gewesen sein, wie das, was er zu Kriegsbeginn dem deutschen Volke verkündete: „Wir führen keinen Krieg, aber wir sind aufgerufen, eine friedliche Lösung im Kosovo auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen. Die Militäraktion richtet sich nicht gegen das serbische Volk.“ Das als demagogisch zu bezeichnen, wäre des Lobes schon zuviel. Wenn es wenigstens eine handwerklich solide Kriegshetze wäre! „Gleichwohl, dies gilt es ehrlich zu sagen, können wir Gefahren für Leib und Leben unserer Soldaten nicht völlig ausschließen.“ Als wären hier ein paar Jugendliche in einer Mühle ohne TÜV auf einer Brandenburger Alleestraße unterwegs.
Nein, den Krieg erklären kann Schröder also auch nicht. Er sollte es beim nächsten Mal mit Aufrichtigkeit probieren: „Selbstverständlich versuchen wir, feindliche Kriegstechnik und gegnerische Armeeangehörige zu vernichten. Diese wollen dafür unsere Soldaten töten. Das ist normal und zeugt nicht unbedingt von schlechtem Charakter. Allerdings hat der Golfkrieg bewiesen, daß man Hunderttausende technisch unterlegene oder fliehende Soldaten auslöschen kann, ohne dabei den Kaugummi aus dem Mund nehmen zu müssen. Auf fünfzig Wehrpflichtige werden wir vielleicht fünf Drillsergeanten und einen Kommandeur eliminieren. Wir werden ihre Frauen zu Kriegerwitwen schießen, ihre Mütter zu Kinderlosen, ihre Kinder zu Halbwaisen. Unsere Bomben werden einige Frauen und Kinder direkt zerfetzen, versehentlich. Es wird viele treffen, die für Terror und Vertreibung nicht verantwortlich sind, und eher wenige, die es – führen wir gedanklich die Todesstrafe wieder ein – wirklich verdient hätten. So ist Krieg. Es geht um Menschenrechte und Frieden. Das ist es uns wert.“ André Mielke
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