Biologe über Zimmerpflanzen: „Der Gummibaum ist ein Evergreen“

Junge Stadtmenschen haben Zimmerpflanzen neu für sich entdeckt. Biologe Nils Köster über die Gründe – und woher die Liebe zu Flamingoblume & Co kommt.

Ein Gummibaum vor einer grünen Wand.

Grün sind alle seine Blätter: ein Gummibaum Foto: Christoph Eberle/imago

taz: Herr Köster, die Zimmerpflanzen sind in unsere Wohnzimmer zurückgekehrt, auch das Botanische Museum Berlin hat ihnen vor einiger Zeit eine Ausstellung gewidmet. Wie erklärt sich dieser grüne Boom?

Nils Köster: Die gefühlte Entfremdung von der Natur, zu der man dann dringend zurückwill, die gibt es ja schon lange. Das kommt immer wieder in Wellen, und in so einer sind wir gerade drin, vor allem die klassischen Hipster aus Berlin-Neukölln …

also generell ein junges, urbanes Milieu, das viel Wert auf Ästhetik legt?

Genau, Leute, für die es auch wichtig ist, dass sie möglichst irgendwie bio einkaufen, die gleichzeitig oft viel digital unterwegs sind und deshalb das Gefühl ersehnen, mehr mit der Natur verbunden zu sein. Ob man das mit Zimmerpflanzen jetzt wirklich ist, ist natürlich die Frage. Dazu ist es ein Style-Ding: Viele dieser tropischen Pflanzen sind ja wirklich extrem schick, so eine elegante Monstera von ein paar Metern macht einfach was her. Und wenn ich das dann noch bei Instagram posten kann – umso besser.

Dort hat sich inzwischen der Hashtag #plantfluencer etabliert, ein Kofferwort aus Pflanze und Influencer.

Es gibt so eine kleine Bewegung von Leuten, die Pflanzen kultivieren und ihre Fortschritte dann ständig online mit einem berechtigten Züchter:innen-Stolz posten: Schaut mal, wie die aussieht! Wie schön die sich entwickelt! Zu einer Community wird das Ganze, weil die Leute sich auch gegenseitig inspirieren: Ach guck mal, was ist denn das Tolles? Und wo hast du die denn her?

Verbinden sich so auch Leute, die sich sonst nicht getroffen hätten?

Also bei uns im Botanischen Garten macht die Berliner Ortsgruppe der Deutschen Kakteen-Gesellschaft regelmäßig ihre Kakteentage. Vor einigen Jahren wurde das zum ersten Mal als Event bei Facebook gepostet, und prompt waren dreimal so viele Be­su­che­r:in­nen da – und zwar komplett andere als vorher.

Gegründet wurde die Deutsche Kakteen-Gesellschaft schon 1892. Wirklich groß scheinen sich unsere Vorlieben gar nicht verändert zu haben.

Es gibt schon so absolute Evergreens. Der Gummibaum ist so einer, der ist schon Anfang des 19. Jahrhunderts nach Europa gekommen, und weil er recht robust ist und sich gut vermehren lässt, ist er eigentlich immer mal wieder modern geworden: um 1900 rum, aber auch in den 1950ern, 60ern, wo auch Flamingoblumen, Monsteras und Bogenhanf sehr in waren. Die sind heute alle wieder da.

45, ist promovierter Biologe und arbeitet seit 10 Jahren als Kustos für tropische und subtropische Pflanzen am Botanischen Garten Berlin. Seine Lieblings­zimmer­pflanze ist die Bromelie.

Auch die Zimmerpflanzen kommen also in Wellen?

Es ist ein Auf und Ab. In den 1920ern und 30ern etwa, zu Zeiten des Bauhauses, waren sie nicht so das Ding. Wahrscheinlich weil man es schlichter haben wollte und tropische Pflanzen eine gewisse Opulenz mitbringen. Aber auch da kommt’s total auf die Sorte an: Wenn ich so einen kleinen, ornamental gewachsenen Kaktus habe, passt der natürlich auch zu einer ganz reduzierten Architekturvorstellung.

Wann ging es denn überhaupt los mit Zimmerpflanzen in Europa?

Das war Ende des 18. Jahrhunderts, frühes 19. Jahrhundert. Wobei wir hier anfangs nur über den Adel sprechen, der hatte das Geld und die Muße für solch ein botanisches Interesse. Da hat sich im Drinnen also quasi wiederholt, was draußen schon in den englischen Landschaftsgärten passiert ist: dass Pflanzen wachsen dürfen sollten, wie sie wuchsen. Und sie nicht, wie vorher im Barock, in schöne, aber künstliche Formen geschnitten wurden. In dem Zusammenhang muss man nur an die vielen niederländischen Blumenstillleben aus dem Barock denken, denn Pflanzen zur Raumzierde hat man schon damals verwendet, aber es waren immer Sträuße, Schnittblumen­arrangements.

Wann demokratisierte sich der Zimmerpflanzenbesitz?

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Es gibt da ein ­bekanntes Gemälde des Geheimrats Goethe, da sieht man eine Königin der Nacht, also einen Kaktus aus der Karibik, und ein Brutblatt aus Madagaskar auf seiner Fensterbank. In den Salons der Biedermeierzeit gehörten Pflanzen dann schon fest dazu. Dabei halfen auch technische Entwicklungen.

Welche waren das?

Zum Beispiel wurde es einfacher, größere Glasscheiben herzustellen. Und man braucht schon halbwegs große Fenster, um Zimmerpflanzen halten zu können. Auch die Glas-Stahl-Bauweise war eine wichtige Innovation, weil Stahlträger mehr halten als eine Steinwand.

Also passend zu Goethe: mehr Licht.

Genau. Der andere wichtige Punkt ist die Verbreitung der Zentralheizung in den bürgerlichen Wohnungen im Laufe des 19. Jahrhunderts. Als noch überall Kohle- oder Holzöfen standen, die nicht so eine gleichmäßige Wärme produzierten, da mussten es schon recht robuste Pflanzen sein, die eher noch aus den Subtropen oder gar aus dem Mittelmeergebiet kamen, wie die Myrte. Erst als man den Raum komfortabel auf halbwegs gleicher Temperatur halten konnte, wurden tropische Pflanzen populärer.

Wenn man das grob zusammenfasst, waren tropische Zimmerpflanzen erst ein Hobby von Adligen. Im 19. Jahrhundert wurde das auch vom höheren Bürgertum betrieben und kam dann schließlich in der Nachkriegszeit bei allen an?

Genau, so wie letztendlich eben die Zentralheizung. Oder das fließende Wasser. Schließlich kann ich eine Pflanze auch deutlich leichter kultivieren, wenn ich mal eben den Hahn aufdrehe und nicht erst runter in den Hof muss, um Wasser hochzuschleppen. Wobei die trockene Luft der Zentralheizung einigen anderen Pflanzen den Garaus gemacht hat.

Nicht alle Pflanzen schaffen ein Comeback?

Früher hatten betuchte Bür­ge­r:in­nen Kameliensammlungen zu Hause, die im Sommer draußen standen und im Winter drinnen überlebt haben, am Fenster, wo sie es relativ kühl und nicht zu trocken hatten. Das ging mit der Zentralheizung dann nicht mehr. Alpenveilchen gibt’s heute noch, sie sind aber auch erheblich seltener geworden oder interessanterweise ins Schlafzimmer gewandert, weil das gewöhnlich relativ kühl gehalten wird. Dort fristen sie dann hinter der weißen Gardine so ein Eckendasein.

Stattdessen wollte man lieber Pflanzen aus den Tropen haben. Wie kamen die denn eigentlich nach Europa?

Es gab im 19. Jahrhundert schon Firmen wie „Veitch and Sons“, die Dutzende von Pflanzenjägern in der Welt rumlaufen hatten, vor allem auf der Suche nach Orchideen. Mit der Erfindung des Wardschen Kastens 1835, einer Art mobiles Gewächshaus, ließen sich dann auch lebende Pflanzen auf Schiffen transportieren, die hier dann aufgepäppelt und verkauft wurden. Für sehr, sehr viel Geld logischerweise – klar, das war ein Repräsentationsding. Sie waren ja selten.

Pflanzenjäger war ein richtiger Beruf?

Kein Ausbildungsberuf, aber es gab wirklich Leute, die ihr Geld damit verdienten, mit einer ordentlichen Portion Abenteuerlust durch tropische Wälder zu ziehen und einfach nach allem Ausschau zu halten, was attraktiv aussieht. Teilweise unter haarsträubenden Bedingungen. Viele sind auch dabei draufgegangen.

Und haben die da auch irgendwas ausgerottet bei der Gelegenheit?

Bekannte Fälle, dass Pflanzen wirklich komplett verschwunden sind, gibt es nicht so viele. Aber definitiv gibt es Arten, die durch die Sammelei für Hobbyisten an den Rand des Aussterbens gebracht wurden. Etwa der Schwiegermuttersessel, auch Goldkugelkaktus genannt, so ein sehr attraktiver, großer Kaktus. Mittlerweile wird der auch gärtnerisch produziert, aber damals war es natürlich günstiger, wenn man ihn mit der Brechstange ausbuddelt.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Das heißt, es ist wie koloniale Raubkunst, nur eben mit Pflanzen? Der Zimmerpflanzenboom begann schließlich zur Hoch-Zeit des Kolo­nialismus.

Klar, das alles ist im kolonialen Kontext zu sehen: Die europäische Oberschicht erhebt Anspruch auf Schätze von anderen Kontinenten, hier eben auf botanische. In Mittel- und Südamerika allerdings, wo die Länder schon im frühen 19. Jahrhundert unabhängig wurden, wurde das Ganze von den Regierungen und Einheimischen nicht unbedingt als problematisch betrachtet, denn die Pflanzen – nun ja, die wachsen da halt buchstäblich auf Bäumen und wurden wahrscheinlich nicht als endliche Ressource betrachtet.

Und es gibt noch einen großen Unterschied zur Raubkunst: Wenn ich eine Benin-Bronze hier im Museum stehen habe, dann kann ich nicht zwei draus machen. Eine Pflanze kann ich vermehren, und wenn man sie restituieren möchte, kann man sie zurückgeben und gleichzeitig behalten.

Warum eigentlich in die Ferne schweifen? Könnten wir uns nicht heimische Pflanzen ins Zimmer stellen?

Pflanzen, die die Saisonalität unserer Jahreszeiten gewöhnt sind, kann ich nicht im Zimmer halten. Sie brauchen von ihrem Rhythmus her einfach eine Pause im Winter. Tropische Pflanzen leben ja mehr oder weniger in einem Temperaturspektrum, das auch auf der Fensterbank herrscht – und das auch noch ziemlich einheitlich das gesamte Jahr über, es gibt da kaum jahreszeitliche Schwankungen.

Eignen sich im Umkehrschluss denn alle Pflanzen aus den Tropen auch fürs Zimmer?

Pflanzen aus wirklich dauerfeuchten Gegenden wie Regenwäldern haben meist Probleme, weil sie im Zimmer dann eben nicht mit der trockenen Heizungsluft klarkommen. Aber es gibt ja viele tropische Gebiete, wo es eine klare Regenzeit und eine klare Trockenzeit gibt – Pflanzen von dort sind viel besser angepasst an unsere Raumluft und an die Tatsache, dass viele Zim­mer­gärt­ne­r:in­nen dann doch nicht unbedingt den grünsten Daumen haben und vielleicht doch mal das Gießen vergessen.

Gibt es noch andere Ausschluss­kriterien?

Pflanzen, die sehr hoch wachsen, landen selten im Zimmer, weil die einfach irgendwann nicht mehr reinpassen. Uns im Botanischen Garten werden auch immer mal wieder Gummibäume angeboten. Erst vor ein paar Tagen schrieb mir eine Dame, deren Baum schon vier Meter Durchmesser hat und im Grunde schon das ganze Zimmer ausfüllt. Ich möchte nicht wissen, wie sie den da rauskriegen will …

Wahrscheinlich nicht am Stück.

Ja, ich habe ihr geraten, ihn zu stutzen und Stecklinge zu schneiden. Wenn man es richtig macht, dann treibt der wieder aus.

Wie alt ist denn so ein Baum?

Das hat sie nicht gesagt, aber das können schon Jahrzehnte sein.

Ähneln die Zimmerpflanzen eigentlich ihren Geschwistern in der Wildnis sehr oder sind die inzwischen ganz anders?

Viele sind durchaus genau so, wie sie auch in der Natur vorkommen. Viele wurden aber auch züchterisch bearbeitet. So sind Orchideen zum allergrößten Teil Hybriden, also Kreuzungen von ursprünglichen Wildarten, wobei mittlerweile sogar Hybriden mit Hybriden gekreuzt werden. Für Züch­te­r:in­nen hat das den großen Vorteil, dass man sich das als Sorte schützen lassen und allein vermarkten kann. Denn ich kann ja eine Wildpflanze – Gott sei Dank! – nicht patentieren lassen. Und klar, solche Hybriden sind natürlich optimiert auf die Zimmerbedingungen und auf Optik.

Wie kann das konkret aussehen?

Nehmen wir die Flamingoblume: Ihre Wildform hat relativ lange Triebe, sie wächst eher kletternd und würde relativ bald aus dem Blumentopf raus­wuchern. Als Züchter möchte ich die aber schön kompakt und buschig haben. Außerdem soll möglichst immer ein Blütenstand herausgucken, der auch noch maximal lange blüht.

Sind Zimmerpflanzen eigentlich so gut fürs Raumklima, wie man immer hört?

Es gibt ja Untersuchungen, dass sie zum Beispiel Formaldehyd aufnehmen. Ich sag mal so: Wenn ich ein paar Pflanzen im Raum habe und sie dann auch noch regelmäßig gieße, erhöht das die Luftfeuchtigkeit, und das ist gerade im Winter sicherlich nicht schlecht. Aber was den Reinigungseffekt angeht, wie groß der wirklich ist … Gerade in der Coronakrise haben wir ja jetzt gelernt: Lüften, lüften, lüften! Ich glaube, das bringt mehr.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de