Bildungsgerechtigkeit in Brasilien: Wider die Unterdrückung

Jair Bolsonaro zieht über den Pädagogen Paulo Freire her. Bolsonaro ist nicht der Erste, der sich Freire als Feindbild ausgesucht hat.

Menschengruppe auf Straße die Fahnen hochhält

Demonstranten protestieren gegen die Sparpolitik der Regierung Bolsonaros im Bildungssystem Foto: dpa

Als Jair Bolsonaro am Montag über den bekannten brasilianischen Päd­ago­gen Pau­lo Freire herzog, wusste er wohl nicht, was das nach sich ziehen würde. Bolsonaro nannte Freire ignorant und besessen, zog eine Verbindung zwischen dem Denker und der brasilianischen Bildungspolitik. Den Pädagogen, der übrigens schon 1997 verstorben ist, hätte das vermutlich kaum beeindruckt.

Paulo Freire erlangte in den 1960ern nationale Aufmerksamkeit. Damals gelang es ihm, 300 erwachsenen Analphabeten innerhalb von 45 Tagen das Lesen beizubringen. Daraufhin leitete Freire mit Unterstützung der Regierung eine nationale Alphabetisierungskampagne. Weil kurz darauf die brasilianische Militärdiktatur begann, konnte er die Arbeit nicht vertiefen. Freire erhielt Hausarrest, wurde festgenommen und floh ins Exil.

Seine Ideen aber blieben: Freires Werke wurden in über 20 Sprachen übersetzt, 28 Universitäten haben ihn zum Ehrendoktor ernannt. Mit seinem Denken beeinflusste er das Black Consciousness Movement. Sein Hauptwerk „Pädagogik der Unterdrückten“ zählt zu den meist zitierten sozialwissenschaftlichen Werken der Welt – noch vor Marx. Die Unterzeile: Bildung als Praxis der Freiheit.

Freire nennt das damals herrschende Bildungssystem darin Bankiers-Methode. Lehrende, so Freire, füllen Köpfe der Lernenden nach kapitalistischer Logik wie eine Geldanlage. „Je vollständiger er die Behälter füllt, ein desto besserer Lehrer ist er“, schreibt er. „Je williger die Behälter es zulassen, dass sie gefüllt werden, um so bessere Schüler sind sie.“

Die Welt lesen lernen

Er selbst wollte durch Bildung kritische Menschen heranziehen, sie zum Fragen und Hinterfragen ermächtigen. Alphabetisierung hieß für ihn nicht allein das Erlernen des Alphabets, es bedeute sich der gesellschaftlichen Strukturen bewusst zu werden – und für Marginalisierte, die eigene Unterdrückung zu verstehen. „Ler o mundo“, pflegte Paulo Freire zu sagen: Die Welt lesen lernen.

Wieso es so wichtig ist, das zu lernen? Weil Bildung sonst zu einem Instrument der Unterdrückung wird. ­Vor ungefähr 30 Jahren erklärte er das übrigens schon im Gespräch mit der taz: „Erziehung dient immer einem bestimmten politischen Traum, einer etablierten Macht, einer bestimmten Gruppierung von Klasseninteressen“.

Auch wegen dieser Klarheit war er Reaktionären schon immer ein Dorn im Auge. In den 1960ern der katholischen Kirche, in den 70ern und 80ern den Militärs. Und spätestens seit dem neuen Jahrtausend der erstarkenden Rechten. Auf Bildern von De­mons­tra­tio­nen ge­gen die linke Präsidentin Dilma Roussef aus 2015 ist ein Schild mit der Aufschrift zu sehen: „Genug marxistische Indoktrination, genug Paulo Freire“.

Jair Bolsonaro ist mit seinen Angriffen auf Freire also in passender Gesellschaft. Für den rechtsextremen Präsidenten, der für die brasilianische Bildungspolitik übrigens die eigentliche Katastrophe ist, ist die Aktion ziemlich nach hinten losgegangen: Nach seinen Ausfällen reagierte der brasilianische Senat kurzerhand und beschloss, am kommenden Todestag des Pädagogen dessen Schaffen zu ehren.

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