■ Der vollelektronische Heimalkoholmesser kommt: Big Brother riecht jede Fahne
Stockholm (taz) – „Hauch mich mal an!“ Wenn dieser Befehl vom Küchentisch krächzt, wird es in 20 schwedischen Wohnungen jetzt ernst. Mehrmals am Tag kommt diese Aufforderung nicht von Ehemann, Gattin, Lebensgefährtin oder Freund, sondern aus einer Maschine. Wenn sie angehaucht werden will, dann hilft nichts. Ein paar Minuten hat der Untertan Zeit, den Befehl auszuführen, wenn nicht erscheinen Big Brothers Helfer in Form einer menschlichen Polizeistreife.
Der vollelektronische Heimalkoholmesser ist nicht der neueste Verzweiflungsversuch der Antialkoholbewegung, die SchwedInnen vom Saufen abzuhalten versuchen, sondern Ergänzung eines gerade erprobten Systems des „Hausknasts“. Dabei können zu geringfügigen Haftstrafen Verurteilte – vorwiegend alkoholisierte VerkehrssünderInnen – statt hinter schwedische Gardinen einzurücken, sich diese nach Hause holen: eine „elektronische Kette“, ein am Fuß- oder Handgelenk von unbefugter Hand unlösbar befestigter Sender überwacht ständig, wo sich der zu Hausknast Verdonnerte aufhält. Verläßt er das Haus zu nicht erlaubt-einprogrammierter Zeit, gibt der Zentraldator Alarm an die nächste Polizeistation. Dann drohen die echten schwedischen Gardinen.
Das System hatte bislang eine Überwachungslücke gegenüber dem echten Knast: Wollte man überprüfen, ob der Heimknacki auch tatsächlich promillefrei ist – dies ist eine Bedingung für das häusliche Absitzen der Strafe –, mußte jedesmal eine Polizeistreife mit Promillemesser vorbeischauen. Jetzt hat Big Brother bald die volle automatische Übersicht. Vom landesweiten Zentraldator in Norrköping ausgelöst oder nach dem Zufallsprinzip einprogrammiert, droht jetzt ständig das Blasen ins Röhrchen. Wobei der Automat unerbittlicher als jede Polizeistreife ist. Sein Gefangener muß erst einmal etwas sagen; ob das ein „gerne, geliebter Alkoholmesser“ oder ein „leck mich ...“ sein mag, ist dem Automaten egal: Er ist mit des Heimknackis Stimmschwingungen gefüttert und will wissen, ob der richtige Bläser vor ihm sitzt. Den erkennt er, so Ulf Jonson, Abteilungsleiter bei der Strafvollzugsbehörde, „auch wenn er heiser oder schlimm erkältet ist“.
Beim Stimmkontakt fordert der Automat gleichzeitig Hautkontakt. Und zwar durchgängigen, bis er seinen Alkoholtest eingeblasen bekommen hat. Tests sollen ergeben haben, daß das Überlassen des Röhrchens an einen anderen Mund als den gerade stimmlich identifizierten so gut wie unmöglich ist, ohne daß der automatische Alkoholwächter das merkt. Wer es dennoch versucht, bekommt neben der umgehenden Meldung an den Zentraldator gleich noch einen mündlichen Rüffel mit auf den Weg. Der Automat hat einen – wenn auch glücklicherweise recht begrenzten – Wortvorrat, mit dem er sowohl Kommandos geben als auch Protest artikulieren kann, sollte er sich verarscht fühlen.
Der ganze Apparat, der nicht viel größer ist als ein Haarfön, kostet rund 5.000 Mark. Den Vorteil des sprechenden Alkoholschnüfflers sieht man beim schwedischen Strafvollzugsamt in den umfangreicheren Testmöglichkeiten. Mit Hausbesuchen muß der Heimknacki auch in Zukunft rechnen – mehrmals in der Woche schaut sowieso eine Art BewährungshelferIn vorbei. Und auch wenn „Bruder Schnüffler“ wegen vermeintlichen Alkoholgenusses Alarm geschlagen hat, gehen die schwedischen Gardinen noch nicht vollautomatisch herunter. Erst muß ein menschlicher Alkoholmesser eine Doppelkontrolle machen. So ganz traut man dem haarfönigen Big Brother doch noch nicht. Reinhard Wolff
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