Beziehungen stiften: Freunde per Fragebogen

In Hannover sucht eine Initiative 2.000 Paten für Geflüchtete: Integration könne schließlich nur mit Kontakt zu Einheimischen gelingen

Auch eine Möglichkeit für Flüchtlingspaten: Schwimmunterricht geben Foto: Franziska Kaufmann (dpa)

HANNOVER taz | Deutschland hat es Mira Wali­zade nicht leicht gemacht. Die 15-Jährige ist Ende 2015 mit ihren Eltern, ihren zwei Brüdern und ihren beiden Katzen aus Afghanistan geflohen. Beide Tiere, eine schwarz, die andere weiß, hatten die Strapazen der Flucht überlebt. Doch in Deutschland angekommen gab es niemanden, der die Kosten für die nötigen Impfungen und die Quarantäne der Tiere übernehmen wollte. Sie wurden eingeschläfert. Für das Mädchen war es ein schlimmer Start in dem Land, in dem sie mit ihrer Familie zur Ruhe kommen wollte.

„Der erste Eindruck war nicht gut“, sagt Mira auf deutsch. Sie lebt mit ihrer Familie in der Gemeinde Wedemark nahe Hannover und besucht eine Gesamtschule. Daran, dass Mira in ihrem neuen Zuhause mittlerweile richtig angekommen ist, hat eine Frau besonderen Anteil: Almuth Blanck. Die 67-Jährige ehemalige Schulleiterin unterstützt die Familie ehrenamtlich – und gerade zu Mira ist die Beziehung eng. „Wir können uns sehr gut auf Augenhöhe verständigen, trotz des großen Altersunterschiedes“, sagt Blanck. Die ehemalige Deutschlehrerin hilft bei ganz praktischen Dingen, wenn zum Beispiel ein Fahrrad organisiert werden muss oder es Ärger mit einer Behörde gibt. Viel lieber geht sie aber mit der Familie in ein Museum oder ins Weihnachtskonzert. „Ich habe mir vorgenommen, ein bisschen kulturelle Teilhabe zu ermöglichen“, sagt Blanck.

Die 67-Jährige und Mira sind mit ihrer ungewöhnlichen Freundschaft nun die Werbegesichter einer Kampagne in Hannover geworden. Das dortige Freiwilligenzentrum sucht 2.000 Menschen, die Paten für einen Geflüchteten werden wollen. „Menschen kann man nicht strukturell integrieren“, sagt Tornike Murtskhvaladz, einer der beiden hauptamtlichen Mitarbeiter des Projekts, „Menschen verbinden Menschen.“ Das geschehe nur vor Ort durch Freundschaften. „Zugewanderte brauchen Kontakt zu Einheimischen.“

In Hannover sind laut der Stadtverwaltung rund 3.600 Flüchtlinge untergebracht. „Wie viele genau in Hannover leben, können wir jedoch nicht sagen“, so eine Sprecherin der Stadt. Auch genaue Zahlen über die Ehrenamtlichen in Hannover gibt es nicht. Die Verwaltung schätzt, dass mehr als 2.000 Unterstützer aktiv sind. Ein so breit angelegtes Patenprojekt gibt es in Hannover allerdings bisher nicht.

Die Stadt bezuschusst das Projekt bis Ende 2018 mit 157.000 Euro. Weitere 66.000 Euro kommen von der Klosterkammer und der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung. Von dem Geld sollen nicht nur die beiden Mitarbeiter, sondern auch eine groß angelegte Werbeaktion bezahlt werden.

Das Paten-Projekt werde die „Integration in den Quartieren noch besser gewährleisten“, sagt Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf. Ziel sei es, alle Zugewanderten willkommen zu heißen, ihnen das Ankommen in Hannover zu erleichtern und sie im Alltag zu unterstützen.

Mitmachen kann bei „Menschen verbinden Menschen“ jeder über 18 Jahre. „Alles ist freiwillig“, sagt Murtskhvaladz – sowohl für die Ehrenamtlichen als auch für die Geflüchteten. Per Fragebogen sucht der Politikwissenschaftler passende Partner. „Wir wollen auch Paten finden, die bisher noch keine Erfahrungen mit Geflüchteten gemacht haben.“ Das Freiwilligen­zen­trum wolle die Ehrenamtlichen dafür schulen, sagt Murtskhvaladz. Helfen sollen sie den Geflüchteten etwa beim Deutschlernen, den ersten Schritten in der Arbeitswelt, bei Behördengängen oder der Suche nach der passenden Kita. „Aber man kann auch zusammen kochen, Musik hören oder tanzen“, sagt Murtskhvaladz.

„Manchmal treffen wir uns und reden einfach“, sagt Mira über ihre Freundin Almuth Blanck. Die gemeinsame Zeit tut aber nicht nur der Jugendlichen gut – trotz der Belastung durch Auseinandersetzungen mit den Behörden. „Was zurück kommt, ist umwerfend“, sagt Blanck. „Auf der Habenseite ist es viel mehr.“

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