Berlins neuer Polizeichef: „Ich bin ein bisschen konservativ“

Berlin hat wieder einen Polizeichef: den 52-jährigen Klaus Kandt. Ein Gespräch über Angst im Einsatz, Sex vor der Ehe und das Abenteuer, Polizist zu sein.

Er ist der Neue: Klaus Kandt, Berlins Polizeipräsident. Bild: dpa

taz: Herr Kandt, am Dienstag hatten Sie Ihre erste Dienstbesprechung. Mit am Tisch: Michael Knape, Klaus Keese, Margarete Koppers – alle Ihre früheren Konkurrenten um den Posten des Polizeipräsidenten. Was war das für ein Feeling?

Klaus Kandt: War okay (lacht).

Was heißt okay?

Es kann nur einen Gewinner geben, so ist das nun mal. Und wir waren zwar Konkurrenten, aber haben uns ja nicht bekämpft. Außerdem kenne ich ja alle schon von früher, hatte immer ein gutes Verhältnis. Ich denke, dass Frau Koppers und ich ein gutes Gespann sind.

Aber war es nicht merkwürdig, weil doch viele in der Behörde Frau Koppers als Polizeipräsidentin wollten?

Ich habe den Eindruck, ich bin auch akzeptiert. Und meine Vita ist ja so schlecht nicht. Ich denke, ich bin nicht ganz ungeeignet für den Posten.

Seit dieser Woche hat Berlin wieder einen Polizeipräsidenten: Klaus Kandt. Nach dem Abschied von Dieter Glietsch Ende Mai 2011 war seiner Ernennung eine monatelange Hängepartie vorausgegangen. Ein erstes Besetzungsverfahren scheiterte an Klagen eines unterlegenen Kandidaten, in der zweiten Runde kamen fünf Kandidaten in die letzte Auswahl. Innensenator Frank Henkel (CDU) wählte Kandt - wegen der "besten Qualifikationen". Der galt von Anfang an als Henkels Favorit.

Klaus Kandt, 52, ist in Baden-Württemberg aufgewachsen, verheiratet und Vater dreier Kinder. Er wohnt in Zehlendorf und ist Mitglied der CDU. Seit 1979 ist Kandt bei der Polizei. Seine Laufbahn begann er beim Bundesgrenzschutz, erst in der Küsteneinsatzhundertschaft, dann bei der Antiterroreinheit GSG9. Später wurde er SEK-Teamführer in Berlin, dann Chef der Spezialeinheiten in Brandenburg. 2005 wurde Kandt Polizeichef in Frankfurt (O.), 2007 in Potsdam. Seit 2008 war er Präsident der Berliner Bundespolizeidirektion.

Einige Leitlinien seiner künftigen Arbeit machte Kandt schon publik: So will er mehr Polizeipräsenz auf der Straße, die "mobile Wache" auf dem Alexanderplatz lobte er als richtigen Schritt. An Glietschs Deeskalationsstrategie auf Demos - Zurückhaltung, bei Straftaten, aber rigoroses Eingreifen - will er festhalten. Videoüberwachung sieht er als erfolgreiches Mittel der Strafverfolgung. Vom Bund wünscht er sich mehr Gelder für Aufgaben wie Botschaftsschutz oder Staatsbesuche.

Weil Sie das richtige Parteibuch haben.

Ach Gott, diese Diskussion. Gut, ich habe ein Parteibuch, das habe ich irgendwann in den neunziger Jahren mal bekommen.

Na ja, wohl eher beantragt.

Ja, richtig. Aber da war ich bei der Brandenburger Polizei und die CDU war in der Opposition. Ich hatte null Vorteile. Ich habe in der Partei nie einen Funktionär gemacht, nicht mal einen Kassierer, nichts.

Immerhin hat Sie der spätere CDU-Innenminister Jörg Schönbohm zum Potsdamer Polizeipräsidenten gemacht.

Auch da habe ich mich in einem Auswahlverfahren durchgesetzt.

Warum sind Sie überhaupt in der CDU?

Ich bin Schwabe, ein bisschen konservativ und hatte den Eindruck, die CDU unterstützen zu wollen, mehr aus persönlichen Gründen.

Was heißt für Sie konservativ?

Das sind Fragen der Lebenseinstellung. Ich halte etwas von Verantwortung, von Pflichtgefühl, von Familie. Solche Dinge.

Kein Sex vor der Ehe?

Ach nein. Ich glaube, das wäre jetzt streng katholisch.

Sind Sie katholisch?

Ich war katholisch.

Warum sind Sie es nicht mehr?

Belassen wir es mal dabei. Das ist jetzt sehr persönlich.

Noch mal zu Frau Koppers, die zuletzt die Interimsführung machte: Wie wird die neue Aufgabenverteilung sein? Muss sie zurück ins Hinterzimmerchen?

Nein, nein. Frau Koppers ist eine patente Person mit vielen Qualifikationen. Wir sind jetzt in der Aufstellung, klären noch, wer welche Aufgaben übernimmt. Wir werden auf jeden Fall eine Arbeitsteilung haben.

Zum Beispiel?

Fragen der Außenrepräsentation oder die Schilderung der Sicherheitslage beim Senator – das wird meine Aufgabe als Behördenleiter sein. Alles Weitere ist noch offen.

Kann man sich das am Ende so vorstellen: Klaus Kandt als willfähriger Vollstrecker von Henkels Innenpolitik?

Ach, hören Sie auf. Natürlich hat der Senator die Verantwortung und gibt die politischen Leitlinien vor. Und ich habe das fachlich umzusetzen. So ist die Realität. Egal, welche Partei an der Regierung ist. Da müssen Sie als Behördenleiter einfach loyal sein, was denn sonst? Was aber nicht ausschließt, dass ich unter vier Augen mit dem Senator auch scharfe Diskussionen führen kann.

Gibt es dafür schon ein Thema?

Nein. Bisher läuft alles super einvernehmlich.

Wie kam es eigentlich zur ersten Kontaktaufnahme? Haben Sie Henkel oder hat Henkel Sie angesprochen?

Mhm, ja. Also als vor einem Jahr klar war, dass die erste Ausschreibungsrunde geplatzt war, habe ich Herrn Henkel gefragt, ob es sinnvoll wäre, mich zu bewerben.

Und Henkel meinte was?

Er sagte, ich sei mit meiner Vita ein interessanter Bewerber.

Sie haben stetig Karriere gemacht. Ist es das, worum es Ihnen bei der Polizei geht?

Wissen Sie, ich hatte das Glück, immer das machen zu können, was mir Spaß macht. Ich bin ein sehr sportlicher Typ, sehr aktiv. In der ersten Phase meines Berufslebens hat mich das Thema Spezialeinheiten sehr interessiert: GSG9, SEK. Das war ja auch sehr herausfordernd.

Bei den Eliteeinheiten wird nicht jeder genommen.

Nein. Neben der körperlichen Grundvoraussetzung muss man eine schnelle Auffassungsgabe haben, leistungsorientiert und beharrlich sein. Ich nenne das immer positive Penetranz. Sie müssen Selbstdisziplin haben, teamfähig sein, sich integrieren können, auch mal unkonventionelle Lösungen im Auge haben, kreativ sein.

Wie viele Türen haben Sie so eingetreten?

Puh.

Haben Sie überhaupt Türen eingetreten?

Ja, sicherlich. Das war ja Teil des Tätigkeitsbildes. Man macht das aber nicht mit dem Fuß, sondern mit der Ramme oder einem Schild.

Gab es Einsätze, wo Sie gesagt haben: Ich habe Angst?

Natürlich gibt es Einsätze, wo Sie eine höhere Spannung haben. Wo Sie merken, das ist jetzt doch eine andere Geschichte. Zum Beispiel bei den Zehlendorfer Tunnelgangstern, die massiv bewaffnet waren. Da schwitzen Sie richtig körperlich, weil es da konkret um Leben und Tod geht. Was mich am meisten betroffen hat, war die Entführung Hintze, Ende der Neunziger, die über drei Wochen ging. Der Sohn der Gastleute aus Geltow, der von zwei Russen entführt wurde.

In welcher Eigenschaft hatten Sie mit dem Fall zu tun?

Ich war Leiter der operativen Maßnahmen der Brandenburger Spezialeinheiten. Es war lange eine unklare Lage. Weil immer das Leben des Opfers im Raum schwebte: Ist er schon tot oder nicht? Wir hatten ein paar Mal Versuche von Geldübergabe, einmal an einer Autobahn. Die scheiterte, weil wir nicht zugriffsbereit waren. Und eine Stunde später haben die Täter bei der Mutter angerufen und gesagt, dein Sohn wird jetzt qualvoll sterben. Ich habe den Tonbandmitschnitt gehört. Puh, das war hart, ganz bitter.

Der Junge ist letztlich in einer Sandgrube erstickt.

Das werde ich nicht vergessen, das war der härteste Einsatz, den ich hatte.

Und heute gehen Sie mit Ihren SEK-Kumpels ein Bier trinken und sind per Du.

Damals war ich auch schon per Du, das war ganz normale Arbeitsebene.

Heute sind Sie aber Chef und sollen die auch kritisch beaufsichtigen und auf Distanz halten. Wie soll das gehen?

Die Ebene Spezialeinheiten habe ich ja nun auch schon vor zehn Jahren verlassen.

Sehen Sie keine Gefahren, dass sich gerade solche Einheiten abkapseln, einen Korpsgeist entwickeln, aus dem am Ende auch Fehlverhalten resultiert?

Da mache ich mir keine Sorgen. Das sind besondere Gemeinschaften, die Gefahren durchstehen und einen gewissen Zusammenhalt brauchen. Es gibt ja auch einen positiven Korpsgeist, ein Füreinandereinstehen.

Ist es für Sie auch kein Problem, wenn Berliner SEKler einen Verein gründen, der sich Kameradschaft nennt, und erst nach vehementen Protesten den Namen ändern?

Wissen Sie, ich war auch mal in der GSG9-Kameradschaft, die hieß auch so. Feuerwehrleute nennen sich Kameraden, auch bei der Bundeswehr oder in den Bergen. Ich störe mich nicht an dem Begriff, aber ich sehe auch, dass er eine Schieflage bekommen hat, seit die rechte Szene ihn missbraucht hat. Um eine Fehlinterpretation zu vermeiden, ist es dann sicher besser, so einen Namen fallen zu lassen. Auch wenn eine SEK-Kameradschaft mit Sicherheit überhaupt keinen Bezug zu Rechtsextremen hat.

Thema Kennzeichnungspflicht. Ihr Vorgänger Glietsch hat die Namensschilder als erste Landesbehörde eingeführt. Wie stehen Sie dazu?

Ich persönlich sehe das offen, habe selbst ein Namensschild getragen. Wir haben hier nichts zu verstecken. Wir machen hier eine gute Arbeit und können die auch vorzeigen. Die Kollegen sollten auch mit ihrem Namen dafür einstehen.

Die Einsatzhundertschaften umgehen die Kennzeichnungspflicht aber auch gerne: indem sie im Sommer etwa ihre Jacken mit den Nummern auslassen.

Das kann ich jetzt nicht im Detail nachvollziehen. Aber die Regel besteht und sie wird durchgesetzt.

Sie bezeichnen sich als konservativen Menschen. Was bedeutet das für Ihre Polizeiführung?

Ich bin schon einer, der gerne etwas entwickelt. Nach allem, was in den letzten Jahren passiert ist, ist nun auch eine Phase der Konsolidierung angesagt. Aber das Ergebnis sollte schon eine moderne Polizeiarbeit sein. So muss die Behörde etwa auch im Internet entsprechend präsentiert sein.

Das klingt jetzt noch nicht so konservativ.

Vielleicht passe ich auch einfach nicht so lupenrein in eine Schublade.

Passen Sie denn zur Berliner Polizei?

Die Berliner Polizei ist bunt und vielfältig. Da passe ich bestimmt rein.

Die Beamten hier galten ja früher lange als Prügelgarde.

Die Berliner Polizei hatte sicherlich auch Phasen, etwa die Hausbesetzer-Zeit, in denen sie körperlich sehr gefordert war und sich auch darauf eingestellt hat. Aber eine Behörde steht niemals still, entwickelt sich. Wenn Sie den 1. Mai sehen, wie er 1987 gelaufen ist und wie 2012: Das ist doch ein Wahnsinnsunterschied. Man darf die Berliner Polizei nicht auf ein irgendwann mal vorhandenes Niveau festschreiben.

Was ist Ihre Vision für die Hauptstadtpolizei?

Ich hätte gerne eine offene, kommunikative Polizei, die effektiv und bürgernah ist, die einen guten Ruf in der Bevölkerung hat. Und deren Mitarbeiter eine hohe Berufszufriedenheit zeigen.

Sie haben mal gesagt: Der Wind weht rau in Berlin. Was macht Ihnen da am meisten Sorge?

Es ist schon so, dass die Dinge hier sehr persönlich werden. Plötzlich hebt sich meine Privatsphäre auf, daran muss ich mich erst gewöhnen. Auch habe ich den Eindruck, dass in Berlin eine Neigung besteht, schnell Vorgänge zu einem Skandal aufzubauschen, die man auch etwas ruhiger betrachten könnte.

War Polizist eigentlich Ihr Traumberuf?

Ich wollte entweder Ingenieur werden oder Polizist. Ich bin in der schwäbischen Provinz aufgewachsen und wollte weg da. Und dann hat sich die Bundespolizei am ehesten angeboten. Raus, Geld verdienen, großes Abenteuer. Und das ist es auch geworden: ein großes Abenteuer. Dafür wird jetzt mein jüngster Sohn Ingenieur.

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