Berliner Szenen: Oper und McDonald’s
Nicht mehr meins
Sonntagabend sind wir in der Komischen Oper. Das Kind war bislang ambivalent Theatern gegenüber. Erst hat er keine Lust. Hinterher findet er es meistens gut. Diesmal ist irgendwas anders. Mit Enthusiasmus wird sich umgezogen und das Haar gegelt.
„Nächstes Mal würde ich gerne in der Loge sitzen“, sagt das Kind. Ich erkläre, dass man die Karten dafür früh kaufen muss und dann oft noch nicht weiß, wann er durch Fußballturniere verhindert sein wird. „Für Theater kann ich auch mal auf ein Spiel verzichten“, sagt das Kind. Ich bin irritiert. In der Pause sagt er: „Gefällt mir voll gut, diese Oper.“ Und später an der Bar: „Boah ey, kleine Apfelschorle drei Euro, das find ich zu teuer!“ Meine Irritation hält an. Früher war mehr Gemecker. „Wir können ja nachher noch zu McDonald’s gehen“, schlage ich vor.
Nach der Vorstellung hören wir an der Garderobe ein etwa dreizehnjähriges Mädchen schimpfen: „Ich find Opern voll scheiße, ich komm nie mehr mit.“ Anscheinend geht das schon länger so, denn die Mutter singt leise vor sich hin. „Du singst total schlecht, hör auf“, raunzt der Teenie. „Nächstes Mal könnt ihr ein Geschwisterkind mitnehmen. Ach nee, ich hab ja gar keine Geschwister. Dann sucht euch halt ein Ersatzkind!“
Mein Kind grinst nur. Am Bahnhof Friedrichstraße machen wir planmäßig noch einen Burger-Stopp. „Ich glaube, McDonald’s ist nicht mehr so meins“, sagt das Kind. „Was ist da schon drauf auf so nem Burger. Davon wird man gar nicht satt und die sind echt lieblos gemacht. Ich ess lieber zu Hause noch n Brot.“
Ich mache mir Sorgen, ich bin so viel Vernunft und Einsicht nicht gewohnt. Bald kommt die Pubertät. Vielleicht sollte ich dieses Verhalten als kurze Entspannungsphase ansehen.
Gaby Coldewey
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