piwik no script img

Berliner SzenenBöll beim Zahnarzt

René Hamann
Kolumne
von René Hamann

Wenn beim Freitagstermin fiktive Figuren echt werden: In den schicken Praxen in Mitte ist alles möglich.

Links der Zahnarzt (Mario Adorf), rechts die „echte“ Katharina Blum (Angela Winkler) Foto: United Archives/imago

F reitagnachmittag, ein ungünstiger Termin, um Schmerzen zu haben. Aber bevor sie stärker zu werden drohten, saß ich in dem schicken Wartebereich der schicken Zahnarztpraxis in Mitte, die mir meine damalige Chefin empfohlen hatte. Der Zahnarzt hatte seine kleine Tochter auf dem Arm und überblickte müde das elende Häuflein Patienten, die sich trauten, um diese Uhrzeit auf eine Spontanbehandlung zu warten.

Mir gegenüber saß eine vielleicht siebzehnjährige Schülerin in Begleitung ihrer Mutter, die besorgt aussah, während ihre Tochter ihre Fähigkeiten im Multitasking demons­trier­te: Sie switchte problemlos zwischen Whatsapp-Nachrichten und dem Gespräch mit ihrer Mutter hin und her. Zwei Frauen aus zwei Generationen, gut gekleidet, habituell dem Alter gemäß unterschiedlich, aber doch von derselben Klasse. Ich fühlte meinem Schmerz nach, der hinsichtlich der Drohung einer zahnärztlichen Behandlung dabei war, milde abzuklingen, und sah von meinem Mickymaus-Heft auf, als die Tochter aufgerufen wurde. Ich hatte ja keine Ahnung! Ich hatte einer Böll’schen Romanfigur gegenüber gesessen! Ich warf der Mutter einen erstaunten Blick zu: War der Name Absicht?

Aber bevor es zur Klärung kommen konnte, wurde ich selbst aufgerufen. Der Zahnarzt hatte natürlich keine rechte Lust, mich zu behandeln, das Wochenende stand vor der Tür, und die Familie saß bereits in den Startlöchern. Also schickte er mich zum Röntgen, schlug daraufhin das Einsetzen eines überteuerten Implantats vor, stellte ein Rezept für ein Antibiotikum aus und schickte mich nach Hause.

Katharina Blum wurde in einem anderen Behandlungsraum behandelt.

Die Antibiotika brauchte ich gar nicht, denn der Schmerz war bereits verschwunden. Er tauchte auch nicht noch mal auf.

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen

René Hamann
Redakteur Die Wahrheit
schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.
Mehr zum Thema

0 Kommentare