Berliner Szenen: Erst Apfel, dann Zitrone
Mondfinsternis
Um kurz vor vier klingelt der Wecker. Ich raffe mich auf, wer weiß schon, wo ich in 14 Jahren sein werde. Schlaftrunken wanke ich zum Küchenfenster: Tatsache, am unteren Rand des Mondes blitzt noch ein Lichtkranz, darüber ist er bereits mit dem Erdschatten bemäntelt. Also schnell in Mütze, Mantel und Schuhen zum Augustaplatz um die Ecke. Die Steinbank an der Stirnseite wäre die beste Position für die Mondbeschau, aber da sitzt bereits ein Pärchen Abiturienten, die Aussicht von der Holzbank ein paar Meter ist auch gut.
Der Mond ist nun vollständig vom Erdschatten eingekleidet und glimmt schwach. Das soll Kupferrot sein, wie der Sternengucker im Rundfunk zur totalen Mondfinsternis vermeldete? Sieht eher aus wie ein kugelrunder goldener Apfel. Ein Rentner stellt sich in die Mitte des Platzes, er schürzt die Hand über den Augen wie bei Sonnenlicht. Das hat die Atmosphäre in den Schatten der Erde gelenkt. Am Firmament erhasche ich keine zweite Sternschnuppe, für die erste war ich zu langsam mit meinem Wunsch. Ich will erst gehen, wenn der Mond den Schatten wieder verlässt, so viel Zeit gebührt diesem Hauch von Ewigkeit.
Ich fühle mich ein bisschen japanisch, schließlich war die Mondbeschau in Japan einmal eine eigene ästhetische Praxis. Als ich gehe, bin ich mir nicht sicher, ob er wieder hervorlugt, auf jeden Fall sieht er jetzt aus wie eine schwerelose goldene Zitrone.
Es war genau der Zeitpunkt, lese ich am nächsten Morgen nach. Und ein Bekannter schrieb mir in der Nacht, ob ich die Mondfinsternis gesehen hätte, die Frage empfinde ich als fast zu privat. Aber sie hat etwas unbeschwert Verschwörerisches und gibt mir ein Lächeln für den Tag mit. Die kurze Nachtruhe würde ich wieder in Kauf nehmen, 2029 dann.
Franziska Buhre
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