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Berliner Schnauze am WochenendeEin rauer Singsang mit gebirgiger Bewegung

Der ausufernde Rhythmus der Sätze kennzeichnet den Berliner Dialekt unserer Autorin. Am Wochenende stößt sie immer wieder auf ihn.

Taugt auch für tröstenden Graffiti: berlinern Foto: Sascha Steinach/imago

A m Freitagabend in der Tennis-Bar erzählt mir eine Arbeitskollegin, dass sie im Berliner Norden aufgewachsen ist, „da bei Bonnies Ranch.“ Ich zucke zusammen – Bonnies Ranch, das habe ich seit mindestens einem Jahrzehnt niemanden mehr sagen hören. Die Bezeichnung löst in mir eine große Vertrautheit aus, schließlich kenne ich die „Ranch“ genauso wie sie, bin unweit von ihr groß geworden. „Bonnie“, der Psychiater Karl-Bonhoeffer, hat sich tief in das Ur-Berliner Sprachgedächtnis eingegraben.

Die ehemalige Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Wittenau, ganz am anderen Ende der U8, heißt im Berliner Jargon also nach wie vor Bonnies Ranch. In den 50er Jahren soll Schauspieler Klaus Kinski dort kurzzeitig aufgenommen worden sein und in den 70ern lebte Christiane F. auf Bonnies Ranch, für einen Heroinentzug. In meiner Familie war die Formulierung „ab nach Bonnies Ranch“ daher eine gebräuchliche und ziemlich unsensible Metapher für das Verrücktwerden.

Orte, wie diese ehemalige Nervenklinik mit verniedlichenden Namen zu versehen, ist kein seltenes Phänomen und eines, das sich offensichtlich hält. Die Ranch faszinierte mich aber vor allem deshalb immer, weil ich mich mit dem Berliner Dialekt so richtig schön in den Begriff hineinlegen konnte: Bonnies Ränsch. Neben Karl „Bonnie“ ist nämlich auch das Berlinern tief in meiner Sprache eingebrannt und ich hole es gelegentlich hervor.

Der Berliner Jargon löst vertraute Freude aus

Auf Menschen zu treffen, mit denen ich durch den Berliner Jargon jagen kann, ist eine vertraute Freude – Beziehungen haben sich schon darüber gebildet, man findet sich. Dabei geht es beim Berlinern, so meine Erfahrung, weniger um bestimmte Worte als um den Rhythmus der Sätze, die man bildet: ein ausuferndes Auf- und Abbewegen von Wörtern und Silben, bei der sich die Kopf- und Bruststimme gegenseitig abwechseln.

Das Berlinern ist ein rauer Singsang, in den man sich hineinwerfen kann, eine gebirgige Bewegung, um sich stimmlich zu verausgaben. In meinen Ohren ertönen meine Neuköllner Tanten und Onkel, wenn ich zum Dialekt ansetze, ihre Worte sind für immer in meinem Körper gespeichert. Die derb-herzlichen Kommentare und Sprichwörter von ihnen nehme ich und setze sie ins Heute, teile sie mit meinen Leuten, die ganz anders sind als meine urige Berliner Verwandtschaft.

Der Dialekt ist für mich also eine soziale Angelegenheit – und deshalb suche ich auch regelmäßig nach Gleichgesinnten. Im Übrigen ist eine Berliner Verwurzelung beim Sprechen vollkommen egal, vielmehr geht es darum, den typischen Singsang des Dialekts zu bespielen. Am Samstagabend bin ich wieder in meinem Sprachelement.

Auf einer Geburtstagsparty raunt mir ein Freund zu: „Der da drüben hat eine sehr gute Kopfstimme!“ Ein Musiker. Ich setze mich später unaufdringlich neben ihn, auf meine Nachfrage hin lehnt der Sänger dann aber ab. Berlinern will er mit mir trotz verheißender Kopfstimme nicht. Zu der Vertrautheit in der Wiederbegegnung mit Bonnies Ranch mischt sich im Laufe des Wochenendes Unbehagen.

Der Ort, der so viele Epochen und Namensänderungen durchlaufen hat, hat, kurz gesagt, eine grausame Historie, die mein flapsiges Bonnies Ränsch nicht ansatzweise einfängt. „Bonnie“ kommt zwar erst 1946 in die westberliner Klinik, um psychisches Leid nicht mehr mit Gewalt zu behandeln, die Geschichte des Ortes bleibt aber trotzdem hinter der Verniedlichung zurück. Ich nehme mir vor, die mittlerweile geschlossene Klinik einmal zu besuchen.

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