Berliner Mauerwanderweg (Teil 8): Neue Mauern am See

Am Groß-Glienicker See wurden die alten Mauern zwieschen Ost und West zwar längst abgerissen, doch jüngst haben Anwohner neue gezogen.

Zugezogen, das klingt nicht nett. Anrüchig, fast wie ein Schimpfwort. "Zugezogen", da schwingt immer ein bisschen von oben herab mit, von keine Ahnung haben. Vielleicht liegt es daran, dass die meisten am Groß-Glienicker See Zugezogene sind. Als sie gesehen haben, dass die Villenbesitzer am Potsdamer Griebnitzsee erfolgreich ihre Grundstücke verrammelten, um sie ganz für sich alleine zu haben, bauten auch sie Zäune über den Weg entlang des Südufers. Und weil Zugezogene keine halben Sachen machen, haben sie gleich eine Hecke dahinter gepflanzt: "Privateigentum. Betreten verboten."

"Die können die Hecke ja nur versetzt haben, die geht sowieso ein", sagt eine Spaziergängerin mit Schadenfreude. "Vor zwei Tagen war hier noch nichts." Betroffen mache sie der jüngste Uferstreit im Potsdamer Dunstkreis, sagt die ältere Frau, und man mag es ihr gern glauben: War es doch gerade der Groß-Glienicker See, der wie kein zweiter für die Teilung Berlins stand. Hier verlief die Mauer durch den See, das Westufer ein Todesstreifen, dahinter Sperrzone. Baden verboten, der Strand vermint.

Die Heilandskirche Sacrow ist ein Schmuckstück und einen Abstecher wert. In der innen und außen sanierten Kapelle empfängt Norbert Greger seit Jahren Besucher und erzählt ihnen von der Zeit, als die Potsdamer "ihre" Kirche nur erahnen konnten - sie lag im Sperrgebiet und war im Prinzip von der Stadt aus nicht zu sehen. Greger ist froh über die Zuzügler im Ortsteil Sacrow. "Die Veränderung der Bevölkerung war zum Guten für Ort und Kirche", sagt er.

Der Flughafen Gatow, an dem man nach dem Groß-Glienicker See vorbeikommt, beherbergt ein Luftwaffenmuseum mit 130 Exponaten. Um den Flughafen für die Briten zu sichern, tauschten die Besatzungsmächte nach 1945 den Ort Großglienicke gegen das zu Berlin gehörende Weststaaken.

Das Fort Hahneberg passieren Wandernde kurz vor Spandau. 1888 errichtet, war es Bestandteil der Gesamtverteidigungsanlagen der ehemaligen Festungsstadt Spandau. Seit 1991 steht es unter Denkmalschutz und zieht Ausflügler, Liebhaber seltener Pflanzen und Filmemacher an. Auch Brad Pitt stiefelte in dem Fort umher, in seiner Rolle im Quentin-Tarantino-Streifen "Inglorious Basterds".

Alle Etappenbeschreibungen erscheinen unter taz.de/mauer

Hundert Meter von der Absperrung der Zugezogenen-Grundstücke entfernt erinnert ein Schaukasten an die Zeit bis vor 20 Jahren. Fotografien zeigen den Uferweg, der damals von Mauern gesäumt war. Links zu den Häusern hin, nach Nordosten zum See ebenfalls. Ein grauer, toter Kanal. "Da sind die damals mit ihren Wachhunden spazieren gegangen", erzählt eine Frau. Ans Ufer kam niemand ran, vom Baden konnten die Groß-Glienicker träumen: Statt aufs Wasser schaute man auf Beton und Wachtürme.

Die Bilder sind schwer mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen. Groß-Glienicke hat sich alle Mühe gegeben, aus dem Grau ein Grün zu machen und ein Bunt in den Gärten. Die meisten Häuser entlang des Mauerwegs am Westufer sind neu gebaut. Keine Prunkvillen, unauffällige Ein- und Mehrfamilienhäuser. Dazwischen verstecken sich einzelne Schmuckstücke von betörender Schlichtheit; natürlich sind auch ein paar Geschmacksverirrungen dabei, ohne sie geht es in Neubaugebieten wohl nicht. Manche Rasen sind auf Kante getrimmt, in anderen Gärten darf gewachsen werden.

Die 8. Etappe Bild: Infotext

Groß-Glienicke ist bis heute eine geteilte Gemeinde. Das Westufer mit Mauerweg und Neubebauung gehört zu Potsdam, das Ostufer zu Spandau. Die Ortsgrenze verläuft durch den See. Sind am Wochenende die Strände und das kleine Pavillon-Café am Mauerweg überlaufen, ist es während der Woche nahezu beschaulich. Kaum jemand ist zur Mittagszeit unterwegs, die Caféstühle liegen verwaist. Es ist still. Die Sonne scheint, das Wasser auf dem See kräuselt sich leicht, angestoßen vom aufkommenden Wind: kitschig schön fast, und doch echt. Anders als an anderen wiedervereinten Orten fehlt hier das Gefühl, alles sei nur aufgesetzt und schnell dahinsaniert.

Es kommen noch mehr Schaukästen mit Fotografien entlang des Mauerwegs. Menschen an Gartentischen sind darauf zu sehen, graue Häuser an der Seepromenade, und immer wieder Mauern und Barrieren. Am Nordufer nähert sich der Weg der Bundesstraße 2, die Potsdam und Spandau verbindet.

Wenige Tage nach der Wanderung der taz-Reporterin kommt auch hier ein Anwohner auf die Idee, er könne einen Bauzaun über den Mauerweg ziehen. Der Eigentümer an der Stichstraße "Am Weinberg" bleibt nicht lange ungestört: Erboste Spaziergänger reißen den Zaun sofort ein. Einen weiteren Versuch wagt der Mann nicht.

Damit ist nach wie vor der Weg frei in Richtung Gutspark Groß-Glienicke. An das Rittergut aus dem späten Mittelalter erinnern ein historischer Torbogen und wenige Wirtschaftshäuser; Schloss und Orangerie brannten nach dem Zweiten Weltkrieg ab. Auch das Gut wurde durch die deutsch-deutsche Teilung vom Ort Groß-Glienicke abgeschnitten; der östliche Parkteil wurde zerstört, der westliche verfiel.

Das Ensemble steht inzwischen unter Denkmalschutz; die noch bestehenden Gebäude wurden nach 1989 restauriert, darunter das Eingangstor zum Gut. Dass dieses "Potsdamer Tor" wieder schmuck und einladend aussieht, ist einer Initiative zu verdanken - von Bürgern aus ehemals Ost und West. Der "Groß-Glienicker Kreis" ist es auch, der den Park um das Gut aufräumt und dort Kulturabende veranstaltet. Unweit des Torbogens stehen zwei Meter fünfzig der Originalmauer in der Wiese. Mit Graffiti besprühter Stein, kein Schild dabei, kein Zaun - das Mahnmal spricht für sich. Bis zum gegenüberliegenden Ufer mit den Zugezogenen reicht seine Ausstrahlung offenbar nicht mehr.

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