Berlinale-Wettbewerbsfilm „Dao“: Palaver unterm Mangobaum
„Dao“ von Regisseur Alain Gomis will die komplexen Realitäten einer französisch-guineischen Familie erkunden, versinkt aber in einem endlos bunten Bilderreigen (Wettbewerb)
Das gerade noch freundliche Gesicht der Frau im rosa gemusterten Kleid wird plötzlich starr. Dann rennt sie los, fegt mit aufgerissenen Augen durch den Hof ins Haus. Dort lässt sie sich fallen, schlägt mit beiden Händen auf den Boden, gegen die Zimmerwände, ein entfesseltes Rasen: „Ich bin angekommen!“, schreit sie, immer wieder. Die Mitglieder der erweiterten Familie reagieren schnell.
Wie zum Appell stellen sie sich auf, bestätigen der Reihe nach ihre Anwesenheit. Auch Gloria (Katy Correa), der die Erleichterung anzusehen ist: Der Geist ihres verstorbenen Vaters ist zurückgekehrt, das Ritual, für das die Dorfgemeinschaft mehrere Tausend Euro aus Senegal, Frankreich und Portugal eingesammelt hat, kann beginnen.
„Dao“, lässt Regisseur Alain Gomis zu Anfang seines Films die Zuschauer:innen wissen, bezeichnet eine „beständige kreisförmige Bewegung“. Entsprechend zirkuliert der Film zwischen verschiedenen Orten und Handlungsebenen. In einem Castingstudio in Frankreich wird die Rolle der Gloria besetzt und nach der fiktionalen Familie gesucht, die anschließend im westafrikanischen Guinea-Bissau einen Toten betrauert und in einem Vorort von Paris die Hochzeit von Glorias Tochter Nour (D’Johé Kouadio) feiert.
„Dao“:
16. 2., 10 Uhr, Uber Eats Music Hall
17. 2., 20.30 Uhr, HdBF
18. 2., 16.45 Uhr, Cinemaxx 6
22. 2., 12 Uhr, Berlinale Palast
Whiskey für die Ahnen
Die im Folgenden immer hintergründig mitschwingende Metafiktionalität verhindert ein Abgleiten ins Exotisierende: Wenn auf dem Viehmarkt mit großem Palaver Kühe für das Fest gekauft werden, wenn alte Männer Wasser und Whiskey für die Ahnen auskippen und Frauen im griot-artigen Wechselgesang die Arbeitsamkeit des Verstorbenen preisen – dann wird dabei eher Afrika für den mitteleuropäischen Blick performt als ethnologische Authentizität behauptet.
Auch das epische Hochzeitsfest mit Autokorso und ausufernden Darbietungen ist klar als Inszenierung markiert – was, vor allem dank der wunderbaren Musik, lebendig und mitreißend wirkt. „Gloria“ war beim Casting sicher die beste Wahl. Ihre ruhige Würde und ihre stets leicht spöttische expressive Mimik tragen den gesamten Film.
Immer wieder gelingen Alain Gomis schöne komische Szenen – etwa wenn im Dorf die französischen Kolonisatoren gepriesen werden, weil die so eine wunderbar vielfältige internationale Großfamilie hervorgebracht hätten, worauf spontan eine Schlägerei ausbricht. Oder wenn auf der Hochzeitsfeier über den Wandel der Zeiten (Polygamie, Gewalt in der Kindererziehung) diskutiert wird – und sich alle in halbernsten Anekdoten über den verstorbenen Patriarchen und seine Reitpeitsche ergehen.
Das größte Problem von „Dao“ hat wohl die junge Frau aus dem Dorf formuliert, die vor der Kamera Zweifel äußert, ob sich die tiefe Bedeutung der animistischen Rituale einem europäischen Publikum überhaupt vermitteln könne oder ob es nicht nur bei schönen Bildern bliebe. Tatsächlich ermüdet der knallbunte Bilderreigen aus Singen, Beten, Tanzen und wilde Kamerafahrten durch Mangowälder und Dorfstraßen irgendwann. Im endlosen Feiern und Palavern gehen potenziell interessante interkulturelle Konflikte und einzelne ernsthafte Thematisierungen von Rassismuserfahrungen unter. Auch die vielen Realitäten dieser fiktionalen Großfamilie werden so erzählerisch kaum fassbar.
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