: Berlin ist nicht Istanbul
Techno und kurdischer Volkstanz, Intensivstation und Tiktok – Çetin Hanoğlu verbindet, was vermeintlich nicht zusammenpasst. In Berlin lebt er dort, wo andere behandelt werden: in einem ehemaligen Patientenzimmer
Von Rumeysa Ceylan (Text) und Tina Eichner (Fotos)
Spuren seiner Heimat fehlen ihm hier: kein Meer, nicht die richtige Partyszene – und die Wärme der Menschen vermisse er auch. Dabei sei ihm doch gesagt worden: „Berlin ist wie Istanbul.“
Draußen: Ein helles Gebäude, frühmoderner Stil, im Hinterhof eines Krankenhauses in Berlin-Spandau. Wilder Wein zieht sich über die Fassade. Neben der Eingangstür hängt eine Hinweistafel: Palliativmedizin, Mitarbeiterunterkünfte, Berliner Adipositas Zentrum. Hinter der Tür ist ein Krankenhauskorridor, Neonlicht, Linoleumboden, der Geruch von Desinfektionsmitteln.
Drinnen: Im ersten Stock ein langer Krankenhausflur, von dem Zimmer abgehen. In einem davon wohnt Çetin Hanoğlu. Zwei abstrakte Gemälde hängen über den Lampen, unter denen früher die Krankenbetten standen. Jetzt, wo es sein Zimmer ist, hat er sein Bett unter die Fenster gerückt. Ansonsten gibt es kaum Möbel. Von ihm sind die weiße Perücke und das Ringlicht – er braucht es für seine Social-Media-Videos. Mehrere bunte Halay-Tücher liegen auf dem Stuhl. Mit so einem wedelt der Anführer bei kurdischen Gruppentänzen.
Und noch ein Tuch: Çetin Hanoğlu zeigt auf das Yazma seiner Mutter – ein traditionelles anatolisches Kopftuch. Er hat es gerne bei sich, um ihr nahe zu sein. Viele andere Dinge bleiben in Koffern. Als wäre er gerade erst angekommen. Platzmangel halt. Seit fast einem Jahr lebt der 26-Jährige hier.
Spätschicht: Während er arabischen Mokka aufsetzt, erzählt er, dass er erst vor drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen sei. Zunächst habe er in Gießen gewohnt. Während er den Kaffee ausschenkt, wirkt er müde. Die vergangenen zwei Wochen sei er am Stück im Dienst gewesen.
Spalier stehen: In seiner Kindheit war Deutschland ein fernes Versprechen. „Wenn Verwandte in den Sommerferien von dort zu uns nach Istanbul kamen, haben wir uns vorher draußen aufgestellt“, sagt er. „Wie Soldaten in einer Reihe.“ Dann warteten sie auf das Auto, das in die Straße einbog. Ein großes Spektakel. Die „Gurbetçi“ brachten Schokolade, Tee und Kaffee. Gurbetçi – jemand der in der Fremde wohnt.
Heimat: Hanoğlu ist das jüngste von sechs Kindern. Seine Mutter bekam ihn mit 43 Jahren, ein Nesthäkchen. Er ist der Einzige in der Familie, der in Istanbul geboren wurde. Seine Geschwister kamen in Erzurum zur Welt, einer Stadt ganz im Osten der Türkei. „Meine Mutter war Hausfrau. Mein Vater hat mal gearbeitet, mal nicht. Und wenn, dann für einen Hungerlohn.“ Die älteren Geschwister mussten zum Familieneinkommen beitragen, „da waren sie erst zwölf, dreizehn Jahre alt“.
Die Schwester: Früh entscheidet sich Hanoğlu, Krankenpfleger zu werden. „Ich habe nach einem Job gesucht, der gut bezahlt ist und den man überall auf der Welt ausüben kann“, sagt er schulterzuckend. Er habe seine Geschwister, die bereits viel für die Familie „geopfert“ hätten, nicht weiter finanziell belasten wollen. Und er folgte dem Rat seiner Schwester, die ebenfalls Krankenpflegerin ist. „Sie ist wie meine Mutter“, sagt er. Schon immer sei sie für ihn „zuständig“ gewesen – und habe ihm den Weg gezeigt.
Der Entschluss: Während der Covidpandemie arbeitete er auf einer Intensivstation in Istanbul. Ein Höllenjob. Als am 6. Februar 2023 dann noch das verheerende Erdbeben in der Türkei passierte, wurde es ihm zu viel. Er war gerade bei Freund:innen, deren Familien direkt davon betroffen waren. Gemeinsam bangten sie um Angehörige. Kurz darauf behandelte er in Istanbul Menschen, die tagelang unter Trümmern lagen. Die Erinnerung lässt ihn verstummen. In dieser Zeit reifte die Entscheidung, die Türkei zu verlassen. Als Erdoğan dann am 14. Mai 2023 erneut zum Präsidenten gewählt wurde, reichte er tags darauf seine Kündigung ein.
TikTok: Schon vor der Wahl war Hanoğlu auf Social Media aktiv und teilte Videos aus seinem Krankenhausalltag. Dazu solche, in denen er die Politik kommentierte. Manche davon wurden mehrere Tausend Mal angesehen. Besonders die aus seinem Krankenpflegealltag wurden viel kommentiert. Auch negativ. „Wie kann so ein Typ verbeamtet sein?“, ereiferte sich einer und spielte auf seine genderfluiden Inszenierungen an. In der Türkei haben viele Krankenpfleger den Beamtenstatus, so wie er. „Unsere Steuergelder finanzieren einen Terroristen‘“, schrieb ein anderer und zielte damit vermutlich auf seine kurdische Herkunft ab.
Namen: In einem anderen Kommentar auf Tiktok wurde er „Kürtlaç“ genannt. „Wie passend“, dachte er, und machte Kürtlaç kurzerhand zu seinem Benutzernamen. Er kann sich damit identifizieren, obwohl er bis heute nicht weiß, was genau damit gemeint ist. Zumindest ein Teil des Begriffes ist auf seine Herkunft bezogen. „Kürt“ bedeutet Kurde. Viele seiner rund 200.000 Follower:innen nennen ihn nur Kürtlaç. Seinen richtigen Namen kennen sie oft nicht. Er kannte ihn lange ja selbst nicht.
Freiheit: Bei der Geburt wurde ihm zwar der Name Çetin gegeben, doch viele Jahre seines Lebens wusste er nichts davon. „Alle nannten mich Haydar. Aber viele Männer in meiner Familie heißen Haydar.“ Als Hanoğlu in die erste Klasse kam, wurde ein Çetin aufgerufen. Das war er – doch er meldete sich nicht. Weil er den Namen ja nicht kannte. In seiner Bio auf Instagram und Tiktok steht: „Rezil olma özgürlüğü“ – die Freiheit, peinlich zu sein. Damit meint er auch Anekdoten wie diese. Heute nennt man ihn nur noch innerhalb der Familie Haydar. Der Name sei etwas Besonderes – nur für die engsten Menschen.
Musik:Hanoğlu liebt Techno und Halay, eine Art kurdischer Gruppentanz. Sollte er mal DJ werden, möchte er beides verbinden. Ein Konzept, das man bisher so nicht kennt. „Techno ist fern von meiner Kultur, meine Eltern könnten damit nichts anfangen.“ Sie kennen sich dagegen bestens mit Halay aus. „Auf Hochzeiten oder manchmal sogar hier im Zimmer kann ich stundenlang Halay tanzen“, sagt er. Das Schöne daran sei, dass Männer und Frauen die gleichen Bewegungen machen würden.
Herkunft: Mit seiner kurdischen Herkunft habe er sich lange nicht so beschäftigt, in der Familie sei meist Türkisch gesprochen worden. „Als Kind war es mir unangenehm, wenn meine Mutter Kurdisch sprach.“ Bis heute gebe es in der türkischen Gesellschaft Vorbehalte gegen alles Kurdische. Hanoğlu würde die Sprache heute gerne besser beherrschen.
Existenz: Als Kurde werde ihm von Kurden mitunter gesagt: „So wie du dich gibst, bist du keiner von uns.“ Denn er liebt es, sich modisch zu inszenieren. Und als Alevit werde er von manchen Muslim:innen wie ein Ungläubiger behandelt. Er möchte Gräben nicht vertiefen. So wie er sich online präsentiere, stehe er für seine Kultur und seine mäandernde Identität. „Mein Aktivismus ist meine Existenz“, sagt er.
Wiedererkennen: Geld verdiene er mit seinen Videos kaum, sagt Hanoğlu. Trotzdem mache er weiter. „Der größte Gewinn ist für mich nicht finanziell, es ist das Gefühl, Menschen zu erreichen.“ Manchmal merke er das ganz unerwartet. Einmal sei er in einem Restaurant gewesen. Plötzlich habe ihn eine junge Frau vom Nachbartisch erkannt und Baklava schicken lassen. Damals sei es ihm mental nicht besonders gut gegangen. „Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr mich das berührt hat“, sagt er.
Zimmer: Als das Gespräch kurz ins Stocken gerät, rückt der Raum wieder in den Blick. Wie es sich anfühlt, in einem ehemaligen Krankenzimmer zu wohnen? Hanoğlu zuckt mit den Schultern. Eine Wohnung zu finden, sei unmöglich gewesen – hier im Krankenhaus in Spandau zeigte man ihm dann das Zimmer und er nahm an. Sein Plan war einfach: ein paar Monate bleiben, dann etwas anderes suchen. „Zwei Minuten von der Arbeitsstelle zu wohnen, hat für mich auch Vorteile.“
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