Berichterstattung über Wahlumfragen

Wöchentlich grüßt die Sonntagsfrage

Wissenschaft und Medien versorgen uns regelmäßig mit aktuellen Wahlumfragen. Doch Umfragewerte werden ziemlich schnell zu Humbug.

Passanten am Mainufer in Frankfurt am Ostermontag

Wie wählen die Deutschen? Antworten darauf werden aus Umfragen teils unreflektiert übernommen Foto: imago-images/Ralph Peters

Wie würden die Deutschen wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre? Der Konjunktiv lässt bereits erkennen, dass die Antwort auf diese Frage mit Vorsicht zu genießen ist. Dennoch titelte die FAZ am Sonntag: „AfD im Osten stärkste Partei“ und die Schlagzeile der Bild lautete „Schock-Umfrage – AfD stärkste Partei im Osten“. Falsch sind diese Überschriften – rein faktisch – nicht, denn das Institut Emnid hat erhoben, dass die AfD in Ostdeutschland auf 23 Prozent kommen würde.

Fragwürdig an dieser Berichterstattung ist aber der Neuigkeitswert. Denn die AfD wäre nach Umfragen von Infratest bereits seit September letzten Jahres in den neuen Bundesländern die stärkste Partei. Im Vergleich dazu hat sie sogar vier Prozentpunkte verloren.

Häufig lassen Sprachwahl und Visualisierung beim Berichten über Wahlumfragen die Annahme zu, es handele sich um eine Prognose. Mit Aussagen wie „die AfD ist stärkste Partei“ oder „die FDP erreicht im Osten nur 5 Prozent“ und Tortendiagrammen mit festen Farbgrenzen gleichen Berichte über Wahlumfragen allzu oft denen über Wahlergebnisse. Dabei handelt es sich hier um zwei grundverschiedene Arten von Information. Nicht nur sind Umfragen bloße Stimmungsbilder, die ermittelten Zahlen sind zudem bloße Trends. Die von den Meinungsforschungsinstituten veröffentlichten Werte können ein bis drei Prozentpunkte über oder unter dem realen Wert liegen.

Unter vielen Journalist*innen gibt es deshalb bereits einen gewissen Konsens darüber, dass man über Umfrageergebnisse nur berichtet, wenn man gleichzeitig über deren strukturelle Ungenauigkeit aufklärt. Die Fehlprognosen vieler Medien vor dem Brexit-Referendum und der US-Präsidentschaftswahl 2016 haben hier zu etwas mehr Selbstkritik geführt – eigentlich. Offenbar nicht genug.

Angesichts der anstehenden Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen wollen Leser*innen natürlich informiert werden, in welche Richtung sich Trends entwickeln. Doch Schlagzeilen emotionalisieren, wirken sich auf das Denken und Handeln aus. In Kürze heißt das „Framing“. Sollte beim Titeln bedacht werden. Ebenso wie man sich fragen muss, ob minimale Schwankungen in den Wahlumfragen Nachrich­tenwert haben.

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