Beraterin über Situation in Pflegeheimen: „Das Personal ist an der Grenze“

Die Hilfe der Angehörigen in den Heimen fällt coronabedingt vielfach weg. Das habe fatale Folgen, sagt Ulrike Kempchen vom Biva-Pflegeschutzbund.

Eine Altenpflegerin nimmt in einem Altenwohnzentrum einen Abstrich für einen Schnelltest

Corona-Schnelltests können bei Angehörigen in den Pflegeheimen vielerorts nicht durchgeführt werden Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

taz: Frau Kempchen, in Deutschland wütet das Coronavirus - wie ist die aktuelle Besuchssituation in den Pflegeheimen?

Ulrike Kempchen: Wir beobachten, dass derzeit fast flächendeckend in den Pflegeheimen die Forderung gilt, dass man einen negativen Coronatest vorweisen muss, um in die Einrichtung zu kommen.

Was bedeutet das in der Praxis?

Das Problem ist, dass in vielen Einrichtungen entweder die Schnelltests nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind oder das Personal fehlt, die Tests durchzuführen. In Bayern im ländlichen Raum zum Beispiel gibt es in vielen Einrichtungen gar keine Tests.

Die Angehörigen könnten sich vor dem Besuch irgendwo außerhalb testen lassen.

Das ist auch eine Kostenfrage. In Bayern kostet ein Schnelltest bei einem Arzt oder in einem Testzentrum zwischen 20 und 60 Euro. Ich habe mit einer Angehörigen gesprochen, die ihre demenzkranke Schwester viermal in der Woche besucht. Die müsste an die 800 Euro im Monat allein für die Tests ausgeben. Das Ergebnis darf in einigen Regionen nicht älter als 24 Stunden sein, man muss sich also immer wieder neu testen lassen.

Abgesehen davon findet man zum Beispiel an Heiligabend nur schwer jemanden, der einen Test durchführt, mit dessen Ergebnis man dann am 1. Weihnachtsfeiertag einen Besuch machen könnte. Diese Voraussetzungen kommen einem faktischen Besuchsverbot gleich.

ist Rechtsanwältin und Beraterin beim Biva-Pflegeschutzbund in Bonn, einer Interessenvertretung für von Pflege Betroffene und deren Angehörige.

Der Pflegeschutzbund hat durch Umfragen festgestellt, dass viele Angehörige sich an der Versorgung und Pflege beteiligen. Welche Folgen hat es für die Versorgung, wenn weniger Angehörige zu Besuch kommen?

Uns haben Angehörige geschrieben, dass die Pflegebedürftigen abgenommen hatten, dehydriert, also innerlich ausgetrocknet, waren, dass sie sogar verwahrlost wirkten. Angehörige beteiligen sich zum Beispiel oft an der Essengabe, die sitzen dann geduldig neben der Bewohnerin und helfen beim Essen und vor allem beim Trinken. Das Personal hat für diese Hilfe beim Trinken zu wenig Zeit. Viele Pflegebedürftige trinken nur in kleinen Schlückchen und viel zu wenig. Flüssigkeitsmangel kann sich aber drastisch auswirken.

Wie denn genau?

Wer dehydriert ist, baut ab, auch kognitiv, kann sogar in ein Delir gehen. Wir kennen einen Fall, wo man schon dachte, die Sterbephase habe begonnen. Die Dame kam ins Krankenhaus, dort stellte man fest, dass sie nur stark dehydriert war. Die Krankenhäuser päppeln die Patienten wieder auf und sie kommen zurück ins Heim.

Beteiligen sich die Angehörigen auch an der körperlichen Pflege?

Auch, aber eher weniger. Sie helfen vielleicht mal beim Toi­lettengang, beim Waschen. Es kommt vor, dass Angehörige die Fingernägel schneiden, die Füße pflegen. Häufiger ist die Hilfe beim Essen und Trinken. Manchmal bringen Angehörige ein besonderes Getränk mit, vielleicht mal ein klassisches Malzbier, das die Bewohnerin mag und dann gerne trinkt. Angehörige sind auch eine gewisse Form der Kontrolle des Pflegezustandes, das fällt jetzt weg.

Kann das Personal die Besuche der Angehörigen ersetzen?

Nein. Für das Personal im Pflegeheim ist die Situation sehr schwer. Die sind an der Grenze, die haben selbst Ausfälle, die Ehrenamtlichen fallen weg, es gibt noch weniger Mitarbeiter als sonst. Denen kann man keinen Vorwurf machen.

Was fordert der Pflegeschutzbund für die Heime?

Corona macht die Missstände in den Heimen, den Fachkräftemangel, die Überlastung des Personals, wie in einem Brennglas sichtbar. Deswegen wäre es falsch, darauf zu setzen, dass man wieder zur Tagesordnung übergehen kann, wenn nur möglichst viele Menschen geimpft sind. Die Coronakrise muss evaluiert werden, man muss genauer schauen, was läuft falsch. Außerdem fordern wir, dass Verordnungen, die erlassen werden, für die Betroffenen auch tatsächlich umsetzbar sind und entsprechend verbraucherfreundlich umgesetzt werden.

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