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Ben Bella und die Islamisten

Mit einem Militärputsch setzte Oberst Boumedienne im Juni 1965 den ersten Präsidenten Algeriens, Ben Bella, ab. Damit endeten die internen Machtkämpfe, und es begann eine Phase der Ruhe, die das Land nach dem erbitterten Befreiungskampf von 1954 bis 1962 dringend benötigte. Es war aber auch jene erdrückende Ruhe, die immer aufkommt, wenn Militärs die Geschicke eines Landes bestimmen, jener Zustand, den der algerische Marxist Mohammed Harbi spitz so beschreibt: „Jeder Staat hat seine Armee, nur in Algerien hat die Armee einen Staat.“ Der relative Erfolg von Boumediennes autozentriertem Entwicklungsweg und die antiimperialistische Außenpolitik ließen über die fehlenden Demokratien hinwegsehen.

Manche politischen Gegner wurden Opfer des algerischen Geheimdienstes, die meisten wählten den bequemeren und unspektakulären Weg ins Exil, meist nach Frankreich, der einstigen Kolonialmacht. Dort trafen sich später auch zwei ehemalige Gefangene wieder: Ait Ahmed, den Ben Bella nach einer Revolte 1963 einkerkern ließ, und Ben Bella selbst. Beide besannen sich ihrer historischen Verantwortung als zwei der neuen Gründungsväter der algerischen Revolution und schlossen sich im Dezember 1985 zur Front der Gegner des algerischen Regimes zusammen. Als Hoffnungsträger der revoltierenden Jugend ist die „Front“ kaum einzuschätzen. Ihr größtes Defizit, was sie mit anderen oppositionellen Gruppen in Frankreich teilt, ist der fehlende Kontakt zu den im Land lebenden Algeriern - und das seit fast einer Generation.

So liegt die Bedeutung der Fusion weniger in in ihrem tatsächlichen politischen Gewicht als in dem Versuch, unterschiedliche oppositionelle Bewegungen zu bündeln: Ben Bella, der sich mit den Jahren zu einem lautstarken Verfechter des Islams gemausert hat und der seine Frau gerne verschleiert der Öffentlichkeit präsentiert, und Ait Ahmed, der seinen berberischen Ursprung gern als Garant einer weltlichen Orientierung vorzeigt. Beide versuchen mit dem politischen Credo des demokratischen Pluralismus eine lagerübergreifende Plattform zu finden.

Doch Ereignisse der letzten Jahre in Algerien belegen einen tiefen Graben zwischen einer eher weltlichen und einer stark islamischen Opposition. So in der Region der Kabylei. Während der Unruhen im März 1980 forderten die berbersprachigen Kabylen mehr politische Freiheiten und eine Anerkennung ihrer berberischen Kultur. Von einer weltlichen Orientierung versprechen sie sich einen wirksamen Schutz für sich als Minderheit. Demgegenüber fordern islamistische Kräfte eine kulturelle und sprachliche Arabisierung der algerischen Gesellschaft. Beide Richtungen, Islamisten und Säkularisten, finden in der Bevölkerung vielfache Unterstützung.

Das algerische Regime unter Chadli bekämpft jegliche organisierte Form von Opposition. Der strategische Vorteil der Islamisten besteht darin, daß sie an alter, fest im Volk verwurzelten Vorstellungen anknüpfen können. Mit ihren Moscheen steht ihnen ein institutionelles Geflecht zur Verfügung, in dem sie aktiv werden können. Das Angebot der Islamisten reicht von der Verteilung von Schriften, Hilfe bei Behördengängen, medizinischer Betreuung, bis hin zur Gründung illegaler Gebetsstätten.

Es ist dem algerischen Staat nicht leicht, das islamische Netzwerk zu zerschlagen, ohne gleichzeitig die Grenzen der respektierten Religiösität zu verletzen. Die Islamisten profitieren auch von der im Lande zunehmenden Tendenz zur Emanzipation von staatlicher Kontrolle. Dennoch: Wenn in Algerien bisher nicht so starke islamische Parteien und straff organisierte Bewegungen gewachsen sind wie in Tunesien oder Ägypten, so liegt es nicht allein an dem Erfolg staatlicher Kontrolle, sondern gewiß auch an dem immer noch geringen Rückhalt der Islamisten in der Bevölkerung.

Stephan Trudewind

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