:
Zur Eröffnung am Freitagabend konnte man sie sogar live performen sehen. Sehen und vor allem hören, die ungarisch-serbische Künstlerin Katalin Ladik. Gurrend, fauchend, kreischend, hechelnd, singend trug sie da eine Auswahl von Klanggedichten vor, bei denen ihr Zeichnungen und Collagen als Partituren dienten.
Fast vergessen waren die vielfältigen, für die feministische Avantgarde wegweisenden Arbeiten Ladiks lange Zeit. Katalin Ladik, geboren 1942 in Novi Sad, machte zunächst eine Ausbildung zur Bankangestellten, begann mit 20 zu schreiben, arbeitete als Radiomoderatorin und Schauspielerin, entwickelte dann nach und nach ein eigenständiges Werk rund um Sprache und deren Klang. Und um den Körper, ihren Körper, weibliche Schönheitsideale dekonstruierend.
2017 wurde sie bei der documenta 14 ausgestellt. Bekannter noch machte sie eine große Retrospektive 2023 im Haus der Kunst in München. „Ooooooooo-pus“ wanderte im Anschluss ins Ludwig Forum Aachen und ins Moderna Museet nach Stockholm. In der Levy Galerie in Moabit ist nun erstmals eine Einzelausstellung Ladiks zu sehen, Fotoarbeiten, hörbare Collagen – aus Schnittmustern sind viele von ihnen gefertigt –, Videos, hauptsächlich aus den 1970er Jahren.
In „Poemim“, der Fotoserie der titelgebenden Arbeit, quetscht sie ihr Gesicht in Grimassen mit einer Glasscheibe platt, verzerrt es radikal. Für das Triptychon „Androgin“ spiegelte sie sich zu androgynen Kugelwesen. Oder sind es doch Os? Denen widmete sie im Jahr 1972 die Videoarbeit „O-Pus“, nach der auch die erwähnte Retrospektive benannt ist: Acht Minuten für den Buchstabe O visuell wie auditiv – kurz oder lang, sanft oder hart, fragend oder fordernd – breitet sie dort aus. Fest hakt sich das in Augen und Ohr.
In der Ausstellung von Bojan Sarcevic bei BQ scheint es im Vergleich mit Katalin Ladiks Arbeiten nur noch Spuren von menschlichen Körpern zu geben. Darauf deuten die abgewetzten Lederjacken hin, die der bosnisch-französische Künstler über an Architektur erinnernde Konstruktionen aus Alu-Dibond gepfeffert hat. Vertrieben haben sie vielleicht die silbrigen Schlangen, die unheilvoll aus Ärmeln und Jackentaschen hervorzüngeln.
Nicht als Metaphern für Gefahr, sondern als „Inkarnationen einer allgegenwärtigen und unvermeidlichen Bedrohung“ seien diese zu verstehen. So steht es im Text, der in großen Buchstaben an die Wand gedruckt ist. Sarcevic verweist auf den „psychologischen Druck, der aus Systemen entsteht, die ihren eigenen Schaden leugnen“.
Lange schon benutzt Sarcevic Readymades und Nachbildungen historischer Artefakte, die er in neue Zusammenhänge fügt. Details aus mittelalterlichen Reliefs, in denen Biester die Zähne fletschen, hat er aus versilberter Bronze in Druckerpapierfächer eingelassen. Das Böse schlummert im Verwaltungsapparat. Es hat System.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen