Baukultur der Roma: Fassade als Selbster­mächtigung

In Dortmund steht ein Haus, das die erstaunliche Geschichte der Roma-Baukultur erzählt. Prunkstück der Fassade ist das Versace-Logo.

Das Versace-Logo auf einer Hausfassade

Fassade oder Fassade? Auf jeden Fall Selbstermächtigung Foto: Christian Huhn/HMKV

DORTMUND taz | In der Schleswiger Straße in der Dortmunder Nordstadt steht ein Haus mit einer bemerkenswerten Fassade: Sie ist bemalt mit geometrischen Mustern in bunten Farben, hat ein schmales Vordach aus Metall und gleich viermal prangt auf ihr groß und golden leuchtend das Versace-Logo mit dem Kopf der Medusa.

Das sehr sehenswerte Haus erzählt gleich mehrere Geschichten: Die der Roma als marginalisierte, verfolgte und stigmatisierte Bevölkerungsgruppe Europas, die ihrer Baukultur und die eines nicht ganz einfachen politischen und künstlerischen Prozesses in der Stadt Dortmund, der zum Ziel hat, Roma-Baukultur sichtbar zu machen und die Community besser in die Stadtgesellschaft zu integrieren.

Der Dortmunder Hartware Medienkunstverein ist tiefer ins Thema eingestiegen und zeigt dazu die bis ins nächste Frühjahr (also hoffentlich nach dem Lockdown noch zu besichtigende) Ausstellung „Fa­ţa­dă/Fassade“. Einige der wenigen Besucher*innen, die sie nach ihrer Eröffnung Ende Oktober noch erleben durften, wurden erst einmal mit einer kognitiven Dissonanz konfrontiert: Auch hierzulande hat sich die Zuschreibung der Roma als „fahrendes Volk“ tief ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben.

Warum hat ein „fahrendes Volk“ Häuser?

Bis 21. März, Hartware Medienkunstverein Dortmund, Online-Veranstaltungen und Termine während des Lockdowns: hmkv.de

Verbunden ist er mit dem Begriff „Zigeuner“, der zwar inzwischen klar als diskriminierend erkannt ist, aber trotzdem immer noch für Diskussionen sorgt. Der Hersteller Kraft hat erst in diesem Sommer seine „Zigeunersauce“ in „Paprikasauce Ungarischer Art“ umbenannt – Heino machte hingegen kürzlich Schlagzeilen damit, dass er in einem seiner Lieder trotzdem weiter von „Zigeunersauce“ singen will.

Warum also hat ein „fahrendes Volk“ nicht nur Häuser, sondern sogar eine eigene Baukultur? Auch aus der speziellen Baukultur, die sich vor allem in den letzten 30 Nachwendejahren in Rumänien entwickelt hat, lässt sich ein Teil der Antwort herauslesen. Die Gruppe der Roma wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht nur verfolgt, sondern auch versklavt.

Mit dem Rassenwahn, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur im Holocaust schreckliche Gestalt annahm, kam es auch in Rumänien zu ethnischem Hass und Massenmorden an Rom*nja – nach offiziellen Zahlen sollen 38.000 getötet worden sein, darunter 6.714 Kinder.

Das Haus als Ort der Repräsentation

Der Nomadismus gehört zwar zu einem Teil der eigenen Identität der Roma, beruht aber vor allem auf wirtschaftlichen Zwängen – viele der an den gesellschaftlichen Rand Gedrängten verdingten sich als fahrende Kupferschmiede, Blech-, Eisen- oder Silberschmiede und Holzschnitzer. Bis heute leben Rom*nja teilweise von diesen Gewerben oder auch vom Metallhandel, sind aber überwiegend sesshaft, teils aus eigenem Antrieb, teils weil Nomadismus zur Zeit der sozialistischen Diktatur in Rumänien verboten wurde.

Dass Dortmund jetzt solch eine bemerkens­werte Fassade im Stadtbild hat, ist einer Vielzahl von Akteuren zu verdanken

Kommen Rom*nja zu eigenen Häusern, die sich zumeist an den Rändern rumänischer Städte befinden, dann nutzen einige diese Häuser nicht in erster Linie als Wohnort, sondern als Ort der Repräsentation und kulturelles Zeichen. Neben den Metallaufbauten und Sprenglerarbeiten weisen sie oft Mansardenfenster, Säulen und kleine Balkone auf, die eigentlich auf die französische Baukultur des 19. Jahrhunderts verweisen.

Diese war in Rumänien sehr beliebt – und Rom*nja waren oft als Arbeiter an ihrem Bau beteiligt. Haben sie jetzt die Chance auf eigene Häuser, spielen sie selbst mit einer Form, die in der Ausstellung als „Post-Internet-Ästhetik“ bezeichnet wird und die Ausdruck oder Behauptung eines neuen Selbstbewusstseins ist: Die Häuser weisen Elemente von Neorenaissance und Bollywoodkitsch und eben Luxusemblemen wie dem Versace-Logo oder dem Mercedes-Stern auf.

Unterstützung durch die Politik

Dass Dortmund jetzt solch ein Haus im Stadtbild hat, ist einer Vielzahl von Akteuren zu verdanken: Zum einen ist die Roma-Community selbst stark in der Stadt, macht sich seit Jahren mit dem Kulturfestival „Djelem Djelem“ sichtbar. Zum anderen hat die Politik aktiv gegen die negativen Schlagzeilen über „Problemhäuser“ in der Nordstadt gearbeitet, in denen oft Rom*nja unter ausbeuterischen Mietverhältnissen mehr hausen als wohnen mussten.

„Kulturdezernent Jörg Stüdemann hat sich persönlich dafür starkgemacht, dass das Haus in der Schleswiger Straße von der Stadt erworben und denselben Mietern zu normalen Bedingungen angeboten werden konnte“, sagt Fabian Saavedra-Lara. Er ist Kurator des Netzwerks Interkultur Ruhr, das 2016 die Künstler Christoph Wachter und Matthias Jud zu einer Residenz im Ruhrgebiet einlud und sie bat, der Frage nach architektonischer Repräsentation im Stadtraum nachzugehen.

Daraus ist eine Werkstatt in der Dortmunder Nordstadt entstanden, in der Rom*nja-Handwerker und -Künstler die Dortmunder Fassade und eine Menge weitere Hausmodelle nach originalen Roma-Bauten aus Rumänien entworfen und gebaut haben.

Künstler Christoph Wachter, der seit rund zehn Jahren zur Marginalisierung der Gruppe der Roma arbeitet, ist mit dem bisherigen Ergebnis zufrieden, würde sich für die Zukunft jedoch noch weitergehende Formen der Ermächtigung wünschen: „Warum nicht auch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und die Kuration solcher Ausstellungen mit Mitgliedern der Community besetzen?“

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