Baseball-Überraschung: Der magische "Rocktober"

21 Siege in 22 Spielen - die Baseballer der Colorado Rockies haben erstmals die World Series erreicht.

Überraschender Erfolg für ein durchschnittliches Team. Bild: ap

Der liebe Gott weilte am Montagabend in luftiger Höhe. Denver liegt zwar nicht im Himmel, aber immerhin auf 1.600 Meter über dem Meeresspiegel. Dort sah ER ein Baseball-Spiel. "Glaube daran", titelten die Rocky Mountain News. "Unglaublich", stammelte Baseball-Profi Matt Holliday, "fantastisch. Ich danke dem Herrn." Der Anlass für die gottesfürchtigen Reaktionen: Die Colorado Rockies haben erstmals in ihrer Vereinsgeschichte die World Series, das Finale der US-amerikanischen Baseball-Profiligen, erreicht.

Dazu war tatsächlich Beistand von allerhöchster Stelle nötig. Denn es ist gerade mal vier Wochen her, da waren Colorado Rockies ein herzlich durchschnittliches Team, mit einer bloß rechnerischen Chance, die Playoffs zu erreichen. Doch das Team setzte zu einer beeindruckenden Siegesserie an, schaffte im allerletzten Spiel der regulären Saison den Gleichstand mit San Diego und gewann das Entscheidungsspiel um die Playoff-Teilnahme nach viermaliger Verlängerung. In der ersten Runde fegte man dann die Philadelphia Phillies vom Platz, und ähnlich erging es nun den Arizona Diamondbacks, die ebenfalls kein Spiel gegen die Rockies gewinnen konnten: Das 6:4 vom Montag war der 21. Sieg in den letzten 22 Spielen. Nun werden Eintrittskarten für bis zu 6.000 Dollar gehandelt, aber die Gründe für die Erfolgsgeschichte liegen weitgehend im Dunkeln: "Ihr könnt mich immer weiter fragen", sagte Matt Holliday, der zum besten Spieler des Halbfinales gewählt wurde, "aber ich habe auch keine Erklärung." Und Shortstop Troy Tulowitzki versucht "möglichst gar nicht drüber nachzudenken".

Der magische "Rocktober", wie die Fans den Erfolgsmonat getauft haben, ist umso erstaunlicher, denn seit Major-League-Baseball in Denver gespielt wird, seit 15 Jahren, gehörten die Rockies verlässlich zu den miesesten Mannschaften. Obwohl sie zu den Klubs mit den besten Zuschauerzahlen gehören, stand bislang erst eine einzige Playoff-Teilnahme zu Buche. Die sportliche Malaise lag vor allem an der Lage der Stadt: So hoch ist sonst kein anderes Major-League-Team beheimatet. Die Höhenluft greift das Nervenkostüm der Pitcher an, denn der geschlagene Ball fliegt besonders gut und den Schlagmännern gelingen mehr Homeruns. Es wird auch spekuliert, dass die vergleichsweise trockene Luft es für die Pitcher schwerer macht, den Ball zu fassen und ihm genügend Rotation zu versetzen. So lockten die Rockies früher hervorragende Pitcher mit Millionenverträgen ins Wintersportparadies, nur um zu beobachten, wie deren Psyche erodierte und sie schließlich entnervt aufgaben. Also läutete das Management einen Strategiewechsel ein: Anstatt für teures Geld etablierte Profis nach Denver zu holen, setzte man nun auf den eigenen Nachwuchs, der mit den außergewöhnlichen Bedingungen vertraut ist. Die junge Mannschaft ohne Superstars wird als Außenseiter in die World Series gehen, egal ob sich im anderen Halbfinale die Boston Red Sox oder die Cleveland Indians durchsetzen. Momentan führt Cleveland die Serie mit 2:1 Siegen an. "Wir haben jetzt erst mal eine Woche Pause", erklärte während der Siegesfeier ein mit Sekt begossener Jeff Francis, der beste Pitcher der Rockies, "ich werde jetzt erst mal versuchen, mich wieder ein bisschen zu beruhigen." THOMAS WINKLER

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de