Baron Cohen kritisiert politische Werbung

Hitler auf Facebook

Facebook spielt weiter politische Werbung aus. Sacha Baron Cohen stellt fest: Sie hätten 1930 sogar antisemitische Anzeigen von Hitler geschaltet.

Sacha Baron Cohen, ein schlanker Mann mit dunklen kurzen Haaren steht vor einer goldenen Wand bei der Emmy-Verleihung 2019. Er trägt ein rotes Hemd, ein Jacket und eine Fliege.

Bekannt für seinen dunklen Humor und seinen moralischen Kompass: Sacha Baron Cohen Foto: Jordan Strauss / ap

NEW YORK/BERLIN/FRANKFURT(MAIN) afp/dpa/taz | Sacha Baron Cohen haut wieder einen raus. Am Donnerstag erklärte der britische Comedian und Schauspieler bei einer Konferenz über Hate Speech und Antisemitismus in New York, Adolf Hitler hätte problemlos antisemitische Werbeanzeigen auf Facebook schalten können, wenn es das Online-Netzwerk in den 1930er Jahren schon gegeben hätte.

Cohen reagierte damit auf den Umgang des Konzerns mit politischer Werbung: Während Google und Twitter in den letzten Wochen bekanntgaben, einen kritischeren Umgang mit politischer Werbung etablieren zu wollen, zieht Facebook nicht nach. Stattdessen verteidigt der Konzern politische Anzeigen auf seiner Seite, die Schätzungen zufolge 0,5 Prozent des Umsatzes ausmachen. „Solange du bezahlst, wird Facebook alle politischen Anzeigen schalten, die du willst – auch wenn sie Lügen enthalten“, so Cohen.

Ausgehend von dieser „absurden Logik“, hätte Facebook den Diktator selbst 30-Sekunden-Werbevideos für seine „Endlösung der Judenfrage“ veröffentlichen lassen, verkündete Cohen, der für seine provokanten Aussagen bekannt ist. Er appellierte an den US-Konzern, Werbeanzeigen vor ihrer Veröffentlichung auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Enthielten sie Falschnachrichten, solle der Konzern dem Werbekunden das Geld zurückgeben und sie nicht veröffentlichen, forderte der Schauspieler.

Neue Spielregeln bei Google

Seit Mitte der Woche diskutieren User*innen sozialer Netzwerke, Politik und Expert*innen wieder vermehrt darüber, wie Online-Konzerne mit politischer Werbung umgehen sollten. Am Mittwoch hatte Google angekündigt, seine Regeln für politische Werbung zu verschärfen, um Falschnachrichten sowie die gezielte Ansprache spezieller Wählergruppen zu vermeiden.

Einzelne Nutzergruppen sollen mit den Anzeigen nur noch nach drei Merkmalen angesprochen werden können: Alter, Geschlecht und Postleitzahl. Zugleich bleibe es aber weiterhin möglich, die Anzeigen zu einzelnen Suchwörtern wie zum Beispiel „Wirtschaft“ zu schalten, wie Google in einem Blogeintrag erklärte.

Zudem betonte Google, dass falsche Angaben in jeglicher Werbung gegen die Regeln der Plattform verstießen – auch wenn es um Politik geht. Das betreffe zum Beispiel auch manipulierte Medien wie Videos. Twitter verkündete ähnliche Maßnahmen bereits Ende Oktober.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg möchte da nicht mitziehen und erklärte stattdessen, er wolle in seinem Netzwerk allen eine „Stimme“ geben. Die Reichweiten-Vergrößerung durch Anzeigen sei wichtig für noch unbekannte politische Kandidaten und Gruppen, die von den Medien keine Aufmerksamkeit bekämen. Zudem sei die Grenze schwer zu ziehen.

Klarere Gesetze gefordert

In Deutschland sieht der US-Konzern den Gesetzgeber in der Pflicht. Er soll verbindliche Regeln aufstellen. „Ob eine Anzeige politisch ist und wer politische Werbung schalten darf, ist nicht einfach zu definieren“, erklärte eine Sprecherin Facebooks der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). „Wir glauben, dass gesetzliche Vorgaben in diesem Bereich notwendig sind, und bringen uns gerne in Gespräche dazu ein.“

Ähnlich äußerte sich demnach Siegfried Schneider, Präsident der bayerischen Landeszentrale für neue Medien: Das eigentliche Problem im Netz sei die fehlende Definition politischer Werbung. Auch er verlangte von der Politik, „eine allgemein verbindliche Definition zu formulieren“, statt Facebook oder Twitter entscheiden zu lassen.

Auch Martin Gerecke, Fachanwalt für Medienrecht bei der Großkanzlei CMS, sieht in Deutschland „klaren Reformbedarf“. Es gebe eine „völlige Intransparenz im Bereich politischer Werbung in den sozialen Medien“, sagte er der FAZ. „Für Anzeigen auf Plattformen wie Google haben wir noch keine gesetzlichen Regelungen.“

Auf die Vermutung, auch Hitler hätte bei Facebook Werbung schalten können, reagierte Facebook defensiv. Cohen habe die Grundsätze des Online-Netzwerks „verdreht“ dargestellt. „Hassreden sind auf unserer Plattform verboten“, erklärte ein Sprecher. „Niemand – einschließlich Politikern – darf Hass, Gewalt oder Massenmord auf Facebook befürworten und propagieren.“

Gegen Falschaussagen in Beiträgen von Politikern will der Konzern jedoch offensichtlich nichts unternehmen. Zuletzt hatte Facebook angekündigt, diese auf der Plattform zu lassen, um sich nicht in den politischen Prozess einzumischen. Ein Vorgehen, das zu Facebook passt: Erst im Oktober hatte das Unternehmen angekündigt, einen News-Feed einzuführen, in dem ausgewählte Medien Beiträge verbreiten und somit eine vertrauenswürdige Nachrichtenquelle darstellen können; mit dabei ist das rechtsradikale Portal „Breitbart“, das nicht dafür bekannt ist, besonders sauber mit der Wahrheit zu arbeiten.

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