Barbie-Puppe kann jetzt filmen: Little sister is watching you

Eine neue Barbie mit eingebauter Videokamera kommt in die Geschäfte. "Einmal die Welt mit Barbies Augen sehen!", verspricht der Hersteller - eine gruselige Vorstellung.

Entschuldigung, Sie haben das was. Bild: dpa

Little Sister ist watching you, könnte es bald in den Kinderzimmern heißen. Denn Mattel bringt eine Barbie mit eingebauter Videokamera auf den Markt. Die Kamera ist in der Halskette der Plastikpuppe versteckt, eine knappe halbe Stunde bewegte Bilder soll man damit aufzeichnen können. Das Display und die Bedienknöpfe sind in Barbies Rücken untergebracht und werden durch einen pinken Kapuzenpulli versteckt. Die Puppe wird gerade auf der Spielwarenmesse in Nürnberg vorgestellt.

"Einmal die Welt mit Barbies Augen sehen!" verspricht Mattel. "So kann z.B. die Hochzeit mit Ken, die Cabriofahrt an den Strand oder der Ausritt mit Pferd Tawny für die Ewigkeit festgehalten werden."

Na, wenn das mal nicht ein bisschen lebensfern ist. Will man wirklich sehen, was Barbie sieht? Wo doch jeder weiß, dass Kinder früher oder später die Anatomie der Puppen erkunden und sich weder von Kens angeschweißtem Plastik-Slip noch durch das Nicht-Vorhandensein von Barbies Mumu davon abhalten lassen, explizite Szenen nachzustellen. Will man das tatsächlich für die Ewigkeit aufgezeichnet wissen? Reicht es nicht, wenn die Kinder auf der weiterführenden Schule zum ersten Mal von youporn hören? Sittenwächter, haltet die Augen offen.

Aber die neue Barbie eröffnet auch völlig neue Spieloptionen. Video-Barbie ist der perfekte Spitzel, der sich unauffällig in fremden Zimmern deponieren lässt. Früher wurden Kinder-Detektive mit billigen Lupen, schwachen Ferngläsern und nicht funktionierendem Fingerabdruckpulver abgespeist. Video-Barbie zeichnet alles unauffällig auf. Geschichtsbewusste Eltern könnten ihre Kinder so auch "Opposition in der DDR" nachspielen lassen. Das sähe dann so aus: Video-Barbie alias "IM Barbara" trifft sich mit Arbeitskollege Ken zu einem vertraulichen Gespräch. IM Barbara würde unschuldig fragen: "Und Ken, schonmal darüber nachgedacht Barbie-World zu verlassen?" Und der arglose Ken würde mitten in die Falle tappen.

Außerdem dürfte die Barbie-Cam auch die Kreativität der Kinder fördern. Die Barbie-Filme könnten gar David Lynchs Meisterwerken Konkurrenz machen. Das beklemmende Gefühl, das plötzlich alles irgendwie anders ist als es eben noch war, zu bewundern in "Lost Highway" oder "Mulholland Drive", dürfte sich beim Angucken der Barbie-Filme einstellen. Denn auch in Barbies Welt ändert sich von hier auf jetzt alles. Aus dem Van wird durch Umklappen plötzlich eine Partylandschaft mit Pool. Das Campingmobil wird zum Sportwagen.

Auf der Barbie-Homepage soll es auch eine kinderleichte Bearbeitungssoftware geben, so dass die Jung-Regisseure ihre Videos mit Geräuschen und Effekten aufhübschen können. Wer je nach einem Weg gesucht hat, die deutsche Filmwirtschaft langfristig und nachhaltig zu fördern, der hat hier das perfekte Werkzeug gefunden. So wie unendlich viele Schreibmaschine tippende Affen einen Shakespeare hervorbringen können, führen millionenfach in Kinderzimmer geschmissene Video-Barbies bestimmt zu filmischen Meisterwerken, die selbst "Avatar" in den Schatten stellen. Danke Mattel.

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