: Balsam für die Seele
■ Die Entdeckung des chilenischen Sängers Oscar Andrade war längst überfällig. Im Haus im Park Schwelgen in Klangfarben
Ein wunderbares Kontrastprogramm zum naßkalten Novemberabend inszenierte der chilenische Songpoet Oscar Andrade bei seinem Auftritt im Haus im Park. In seiner Musik treffen leichtfüßige Rhythmen und Melodien mit brasilianischem Flair auf Flamenco-Anklänge, die Traditionen des chilenischen und argentinischen Canto Nuevo mischen sich mit lateinamerikanischem Rock, dazu kommen eine Prise Chanson und Pop, ein wenig cubanische Nueva Troba sowie ein Hauch von Jazz. Durch diese klangfarbenprächtige Melange bewegte sich Andrades ausdrucksstarke und wandelbare Stimme mit verblüffender Unangestrengtheit. Vom sonoren, leicht angerauhten Bariton schraubte sich sein Gesang ohne Mühe ins höchste Falsett. Beeindruckend, wie er manchmal seinen Ton ganz langsam immer weiter anschwellen ließ, die Stimme immer mehr Raum gewann, den Saal bis in den letzten Winkel ausfüllte. Ebenso seine lautmalerischen Ausflüge, die an den frühen Al Jarreau erinnern, wenn er scattete und zwischendrin eine Posaune immitierte, wie im Song „Plus Juan Perfecto“.
Mit Falk Zenker an der halbakustischen Gitarre und Ral Aliaga (dr, perc) hatte der Sänger und Gitarrist zwei kongeniale Begleiter. Während Andrade Rhythmusgitarre spielte, lieferte Zenker filigrane Ornamente, einfühlsam und fingerflink, ließ andalusische Flamenco-Stimmung anklingen, bestach ebenso durch sensibel zarte Klänge wie durch fulminantes rhythmisches Feuer. Gleiches gilt für Aliaga, der ein äußerst differenziertes Rhythmusgeflecht zauberte, mal mit vielschichtigen perkussiven Mustern eher soundorientiert, mal mit treibenden Rockrhythmen, dann wieder brasil-jazzig swingend. Aliaga, in Chile begehrter Sessionmusiker und auch in der Klassik zuhause, arbeitet seit fast 20 Jahren mit Andrade und das war dem Zusammenspiel anzumerken. Überhaupt war die musikalische Kommunikation der drei Musiker von der selben Leichtigkeit geprägt, die auch die Musik Andrades kennzeichnet.
Daß dieser in seiner Heimat zu den bekanntesten und innovativsten Musikern gehört, dort seine poetischen, in Emotionen schwelgenden Lieder regelmäßig in den Charts plaziert und diverse Auszeichnungen einheimste, vermag nach dem Auftritt im Haus im Park nicht mehr zu verwundern. Viel eher, warum angesichts des großen Interesses an lateinamerikanischer Musik hierzulande, der immerhin seit sechs Jahren in Deutschland lebende Sänger noch nicht bekannter ist. Seine Musik und seine großartige Stimme, in manchen Momenten ein musikalischer Balsam für die Seele, hätten breitere Aufmerksamkeit allemal verdient.
Arnaud
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