Autor über das solare Zeitalter

„Wir sind am Anfang des Wandels“

Science-Fiction-Autor Hans-Arthur Marsiske über Stanley Kubrick, bewaffnete Roboter und den Respekt vor unbekannter Intelligenz.

Hans-Arthur Marsiske steht in einer Bibliothek.

Testet Grenzen aus: Science-Fiction-Autor Hans-Arthur Marsiske Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Marsiske, in Ihrem Roman „Die letzte Crew des Wandersterns“ stellen Sie die Raumstation ISS einem vollkommen isoliert lebenden Inselvolk gegenüber. Warum?

Hans-Arthur Marsiske: Mich fasziniert, dass es auf der Erde immer noch Völker gibt, die von der Zivilisation völlig unberührt sind. Ich halte das für einen ungeheuer wertvollen Schatz, den wir aber paradoxerweise nicht bergen können, ohne ihn zu zerstören. Die Raumstation ist so etwas wie ein Gegenpol dazu. Ich wollte, dass die beiden einander sehr fremden Kulturen, die hochtechnisierte und die archaische, sich auf Augenhöhe begegnen. Die magisch-mythologische Sicht auf die Welt und die wissenschaftliche sollten als gleichwertig erscheinen.

Sind Sie ein spiritueller Mensch?

Ich folge keiner Religion oder geistigen Lehre. Ich glaube aber, dass die Menschheit einer neuen geistigen Orientierung bedarf. Die großen Religionen sind nicht in der Lage, den Wandel, in dem wir uns befinden, zu begleiten.

Was für einen Wandel meinen Sie?

Der Wandel in das solare Zeitalter. Er steht im Mittelpunkt meiner gesamten Arbeit. In meinem Roman verweise ich auf die Kardaschow-Skala, ein sehr einleuchtendes Schema. Darin werden drei Stufen von Zivilisationen definiert. Die erste Stufe bedient sich der Energie des Heimatplaneten. Die zweite Stufe der des Heimatsterns, in unserem Fall die Sonne, und die dritte Stufe nutzt die gesamte Energie der Heimatgalaxis. Wir befinden uns also am Anfang des Übergangs von der ersten zur zweiten Stufe und ich wünsche mir, dass er gelingt.

Deshalb beschäftigen Sie sich auch als Journalist mit der technologischen Entwicklung?

Genau. Der Regisseur Stanley Kubrick trägt da jedoch eine Gewisse Hauptschuld. Als ich den Film „2001: Odyssee im Weltraum“ gesehen habe, fing meine Pubertät an und es war die Zeit, in der Apollo 8 zum Mond flog …

… und die sexuelle Revolution begann.

Das hat mich ganz schön durcheinandergebracht und gleichzeitig fasziniert. In den Neunzigerjahren habe ich dann das wissenschaftliche Gebiet für mich entdeckt und mir Gedanken über Emotionen und Computer gemacht. Da wurde mir bewusst, dass alle Themen, mit denen ich mich beschäftige, irgendwie in dem Film stecken: das kosmische Bewusstsein, die große Geschichte. Für mich ist der Film ein philosophisches Werk und eine Art Heiligtum. Ich reagiere immer noch allergisch, wenn sich jemand abfällig über den Film äußert.

63, ist Buchautor und Journalist. Er hält Vorträge und schreibt zum Thema Weltraumforschung, künstliche Intelligenz und Robotik. Seit 15 Jahren berichtet er für Heise online von Roboterwettbewerben und wissenschaftlichen Konferenzen. Sein neustes Buch und erster Roman „Die letzte Crew des Wandersterns“ ist in der neuen Reihe „Heise online: Welten“ im Hinstorff-Verlag erschienen.

Glauben Sie, die konstruierten Grenzen der Geschlechter werden in Zukunft weiter verwischen?

Ich habe selber immer wieder versucht, die Grenzlinie auszutesten. Wann fühle ich mich noch als Mann in Frauenkleidern, und wann als Frau? Momente, in denen ich mich als Frau fühlte, habe ich immer sehr genossen und mich dabei sehr frei gefühlt. Früher habe ich mir noch mehr Mühe gegeben, auch nach außen wie eine Frau zu wirken, habe mir die Brust ausgestopft, Perücken aufgezogen und mich geschminkt. Mein Ideal war es, auszusehen wie eine 17-Jährige. Davon bin ich mittlerweile Lichtjahre entfernt.

Haben sich die Reaktionen mit der Zeit verändert?

Ja, die Leute auf der Straße gehen mittlerweile erstaunlich entspannt damit um, wenn ich Kleider und hochhackige Schuhe trage. Ich kriege eher Komplimente als blöde Sprüche zu hören. Unter den gesellschaftlichen Veränderungen, die ich im Lauf meines Lebens erlebt habe, ist das die bemerkenswerteste. Und jetzt, mit der Veröffentlichung des Romans, habe ich noch ein größeres Bedürfnis, mich so zu zeigen, wie ich mich am wohlsten fühle – und das ist nun mal mit Frauenkleidern.

Sie sind Robotersportreporter. Wie kam es dazu?

1999 habe ich das erste Mal über einen Robo-Cup berichtet. Damit war ich vielleicht der erste Sportreporter dieser Art. Beim Robo-Cup treten Teams mit selbstgebauten und programmierten Robotern gegeneinander an und spielen Fußball. Für Spiegel online habe ich damals einen Livestream aus Stockholm kommentiert – damals noch eine komplizierte Angelegenheit.

Was hat Sie daran gereizt?

Zum einen war ich von der Vision beeindruckt, bis zum Jahr 2050 mit Robotern die Fußball-WM gewinnen zu wollen – ein ähnlich nutzloses und zugleich inspirierendes Ziel wie die Landung von Menschen auf dem Mond. Ich fand das toll, aber vor allem hat der Robo-Cup ein neues Verständnis von Intelligenz geschaffen.

Welches?

Verkörperte Intelligenz. Die Idee, dass Intelligenz einen Körper braucht. Der Robo-Cup hat dem ein Forum gegeben. Hier geht es zunächst einmal um vermeintlich „einfache“ Wahrnehmung. Wo ist der Ball? Wo ist das Tor? Obwohl man Fußball ja nicht unbedingt mit Intelligenz verbindet, ist das ein schöner Rahmen für einen solchen Graswurzelansatz zur Bildung künstlicher Intelligenz.

Auch die Nato nutzt ja einen Wettbewerb, um autonome Systeme zu testen.

Genau, von der Roboterleistungsschau Elrob (European Land-Robot Trial) berichte ich ebenfalls. Dort treten Roboter von Firmen und Forschungsinstituten auf einem Hindernis­parcours gegeneinander an, auch im offenen Gelände. Noch bekannter sind wohl die Roboterwettbewerbe der Militärforschungsbehörde Darpa in den USA. Um den Stand der Technik nachvollziehen zu können, sind solche Wettbewerbe enorm aufschlussreich.

Die technologische Entwicklung in der Rüstungsindustrie behandeln Sie auch in Ihren Texten. Welche Folgen wird das haben?

Ich bin der Überzeugung, dass mit der Bewaffnung der Drohnen eine rote Linie überschritten wurde. Das hat eine Rüstungsspirale in Gang gesetzt, die unvermeidlich auf autonome Waffensysteme hinauslaufen wird – die angeblich niemand will.

Sie haben auch von Konferenzen der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik berichtet.

Da habe ich miterlebt, wie die Bewaffnung von Robotern voranschreitet. Die Bundeswehr hat die öffentliche Diskussion darüber lange Zeit gemieden. Auf einer Konferenz im Jahr 2009 sprachen dann mindestens fünf Vertreter der Bundeswehr ganz freimütig darüber, wie schön es wäre, wenn die Drohnen bewaffnet wären.

In einer öffentlichen Veranstaltung war das möglich?

Nun ja, die waren es offenbar nicht gewohnt, dass jemand von der allgemeinen Presse im Publikum saß. Mein Artikel hat dazu geführt, dass die grüne Bundestagsfraktion eine Anfrage mit dreißig Fragen zu unbemannten Systemen an den Bundestag formulierte und die öffentliche Diskussion über die Bewaffnung von Robotern in Gang kam.

Welche ethischen Fragen stellen sich mit der Expansion in den Weltraum?

Der Mikrobiologe Charles Cockell hat einmal gefordert, dass, sollten wir außerirdisches Leben finden, wir bis zum Beweis des Gegenteils davon ausgehen sollten, dass es intelligent ist. Ich würde sogar sagen, Intelligenz ist gar nicht das entscheidende Kriterium, sondern Empfindungsfähigkeit oder Leidensfähigkeit. Auch wenn es nur Mi­kroben sind.

Warum ist das so wichtig?

Vor 500 Jahren haben wir in Amerika und Afrika Völkermorde begangen, weil wir die einheimischen als primitive Völker betrachtet haben. Ich denke, dass darf kein Kriterium sein, wenn wir zu anderen Welten aufbrechen. Ähnliches gilt für künstliche Intelligenz: Was wir heute erfinden, könnte sich früher oder später zu einer empfindungsfähigen Lebensform entwickeln – und verdient entsprechenden Respekt.

Künstliche Intelligenz hilft auch bei der Automatisierung der Arbeitswelt. Ist das gut?

Auf jeden Fall. Arbeit muss nicht mehr anstrengend sein. Heute haben wir Technologien, die uns vieles abnehmen können. Das ist eine riesige Chance. Die Automatisierung führt zwar nicht automatisch zu einer besseren Gesellschaft, das müssen die Menschen immer noch selbst machen, doch die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen zeigt, dass ein neues Verständnis von Arbeit entsteht. An einer menschenleeren Fabrik finde ich nichts Erschreckendes.

Wie sehen Sie die Zukunft der Mobilität?

Laufend. Momentan betreiben wir Mobilität um ihrer selbst willen. Das ist ein aufgeregtes Hin- und Herfahren. In Zukunft werden wir die Städte und unser Leben anders gestalten und weniger auf Mobilität angewiesen sein. Das wird dauern und es fehlt noch ein klares Zeichen, dass man sich der Sache annimmt. Niemand kann doch ernsthaft wollen, dass in zwanzig Jahren immer noch alles zugeparkt ist.

Sind solche Probleme nicht dringender als das Vorhaben, den Weltraum zu erschließen?

Ich denke, Frieden und Fortschritt auf der Erde gehen mit einem Weltraumprojekt Hand in Hand. Um den Weltraum zu erschließen, brauchen wir klar formulierte Ziele und müssen auf Kooperationen bauen. Dahinter könnte sich die Menschheit versammeln und aus vermeintlich Nutzlosem Großes erreichen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de