Ausstellung zum Thema „Konflikte“: Austragen statt ignorieren

Eine Hamburger Ausstellung beleuchtet Konflikte im Privatleben, in der Arbeit und in der Politik. Das tut sie meinungsstark und multimedial.

Demonstranten mit einem Transparent gehen auf eine Polizeisperre zu.

Finden Sie die tazler? Demonstration vor den Häusern in der Hamburger Hafenstraße, 13. 8. 1989 Foto: Mike Schröder/SHMH

Der Wunsch nach Harmonie geht am wenigsten in Erfüllung, wird alles Handeln danach ausgerichtet. Für eine Weile können innere Zwiespälte oder ein angespanntes Verhältnis zu anderen zwar ignoriert werden, sie verschwinden davon aber nicht. Diese Einsicht nimmt die Ausstellung „Konflikte“ im Hamburger Museum der Arbeit zum Ausgangspunkt: Sie lädt zur Auseinandersetzung mit alltäglichen Konflikt-Szenarien ein – und mit dem eigenen Konfliktverhalten.

Das Thema ist breit und wird nur wenig eingegrenzt. Die Besucherin erfährt, dass Expertinnen und Experten aus Psychologie, Sozialwissenschaft und Medien sehr verschiedene Vorschläge zur Definition eines Konflikts anbieten. Sie soll also selbst entscheiden, was davon sie überzeugt, das sei eine „Frage der Perspektive“. Man kann das als Ausweichschritt vor einer begrifflichen Festlegung ansehen. Aber auch als bewusste Absage an die Erwartung, bereits vor der Betrachtung eines konkreten Konfliktfalles müssten Ursachen, Beteiligte und Lösungen bestimmbar sein.

Anlass der Ausstellung, erläuterten Museumsdirektorin Rita Müller und Kurator Mario Bäumer, war die zunehmende „Empörungskultur“, die sich vom sachhaltigen Argumentaustausch entfernt, sowie das Auftreten neuer öffentlicher Konfliktfelder, etwa der Klimapolitik. Entsprechend ist sie entlang konkreter Konflikte aufgebaut, darunter Beziehungs-, Arbeits-, innere und gesellschaftliche Konflikte. Diese können in Filmszenen beobachtet, an szenischen Installationen miterlebt werden. Interviewte Akteurinnen und Akteure erzählen von ihren Konflikterfahrungen, weiteres Material bilden Fotografien, Collagen und einige historische Dokumente der Hamburger Arbeiterbewegung – selbstverständlich liegt in einem der Arbeit gewidmeten Museum ein Augenmerk auf Arbeitskämpfen.

Es ist eine Stärke der Ausstellung, dass sie immer wieder Partei ergreift. So wird etwa das Engagement gegen den Abriss der „Esso-Häuser“ oder für den „Park Fiction“ – beides im Stadtteil St. Pauli – aus Sicht der beteiligten Initiativen dargestellt. Zum Konflikt um den Klimaschutz wiederum kommen Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future zu Wort.

Konflikte. Die Ausstellung: bis 8. 5.  2022, Hamburg, Museum der Arbeit;

Filmscreening „Still Burning – ­Konflikte, Verflechtungen und Widerstand in der Steinkohle­industrie“ und Gespräch mit den Fil­me­ma­che­r*in­nen Evelyn Linde und Ramin Aryaie: 22. 11., 19 Uhr. Eintritt frei, Anmeldung nötig.

Auch in der vielerorts geführten Debatte um Denkmäler drängt die Ausstellung zur Stellungnahme, indem sie parallel die Geschichten der örtlichen Bismarck- und Heine-Denkmäler erzählt: Ersteres steht wegen seiner völkischen Symbolik und als Repräsentant des ehemaligen deutschen Kolonialreichs in der Kritik, Letzteres musste zweimal aufgebaut werden – weil die Nationalsozialisten das erste abrissen.

Von Kämpfen um bessere Arbeitsbedingungen schließlich berichten Gewerkschafterinnen, couragierte Arbeiter und ehemalige Mitstreiter der Lehrlingsbewegung. Bemerkenswert ist, dass viele von ihnen voller Stolz zurückblicken: In Konflikten für sich und andere eingestanden zu sein, ist offenbar auch ein Grund für Zufriedenheit.

Direkt neben einer Fotostrecke zu den Aktionen heutiger Hafenarbeiterinnen und Hafenarbeiter gegen Sozial­dumping beim Sichern der Schiffsladung ist der Stummfilm „Brüder“ von Werner Hochbaum über den Hamburger Hafenarbeiterstreik zu sehen – immerhin schon von 1896/97. Bis man allerdings in diesem Bereich angekommen ist, haben die vielen bunten und interaktiven Stationen die Sensibilität für weniger spektakuläre Medien schon ziemlich gesenkt.

Nicht immer ist die Wahl der Konfliktbeispiele treffsicher: Darüber, wie Hunde miteinander kämpfen, oder was die häufigsten Nachbarschaftskonflikte sein mögen, muss nicht unbedingt „zum Nachdenken angeregt“ werden. Auch kommen die szenischen Darstellungen alltäglicher Konfliktsituationen arg pädagogisch daher: Auf jeden eskalierenden Verlauf folgt ein alternativer, beschwichtigender, den sich die Zuschauerin wohl zum Vorbild nehmen soll.

Zusammenleben als Zumutung

Wie kompliziert es ist, gesellschaftliche Konflikte in ein anschauliches Modell mit klaren Kontrahenten zu übersetzen, wird am Thema Klima deutlich: Der größte Gegner der Bewegung für den Klimaschutz ist das Prinzip der Mehrwertproduktion. Verschwendung von Ressourcen und kurzfristige Gewinnkalkulationen lohnen sich einfach. Deshalb benennen die Vertreterinnen und Vertreter von Fridays for Future als ihren Gegenspieler auch weniger konkrete Akteure, als das Ausbleiben eines gemeinsamen Engagements der Menschheit. Dass diese Erwartung weltfremd wirkt, kann aber nicht denen zum Vorwurf gemacht werden, die dafür eintreten.

In Zeiten, in denen das gesellschaftliche Zusammenleben häufig eher als Zumutung erlebt wird, denn als Realität, die es trotz verschiedener Interessen vernünftig zu gestalten gilt, leistet die Ausstellung eine Art Reanimationsarbeit. Nicht nur empfiehlt sie nämlich, Konflikte auszutragen, statt sie zu ignorieren. Auch fordert sie dazu auf, dass wir uns ein Bild von den Konflikten um uns herum machen, das unseren eigenen Standpunkt überschreitet.

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