Ausstellung im Kunstverein München: Unerfüllte Liebe

Die Schau „Not Working. Künstlerische Produktion und soziale Klasse“ im Kunstverein München ergründet gesellschaftliche Rollen von Kunstschaffenden.

Installationsansicht im Kunstverein in München

Installationsansicht: Lise Soskolne und Gili Tal in Not Working, Kunstverein München, 2020 Foto: Sebastian Kissel/Courtesy Kunstverein München e.V.

Simultan auf zwei Ebenen – mit der Präsentation künstlerischer Positio­nen und einem Dossier mit Essays verhandelt der Kunstverein München „Künstlerische Produktion und soziale Klasse“, ihr Missverhältnis, Verschränkungen, aber auch Ungenauigkeiten und Verwerfungen. Und betrachtet die Versuche bürgerlicher Vereinnahmung des auf ewig zur kritischen Distanz verpflichteten Kunstschaffens. „Not working“ heißt die Ausstellung. Das lässt sich mit „funktioniert nicht“ übersetzen, könnte auch „trügerisch“ bedeuten oder „irreführend“. Es erinnert jedenfalls fatal an die Zustandsbeschreibung einer unerfüllten Liebe.

Was warum nicht klappt, wird bezeichnenderweise im Hofgarten an der Residenz untersucht – dort sind die Räume des Kunstvereins –, einem Areal der Stadt München, dessen historische Kulisse geprägt ist von einstiger Pracht und der Macht des Klerus. Was heute gern als touristisches Panorama mit ästhetischem Gewinn für den hedonistisch ausgerichteten Städter abgetan wird, tut freilich weiterhin seine Wirkung und blendet aus, was nicht in die Kategorie von Luxus und Moden passt. Ein schwieriges Terrain also für Fragen zu den Rahmenbedingungen der Kunstproduktion, zum Standesbewusstsein von KünstlerInnen und RezipientInnen.

Wandeln mit verzotteltem Bart

Maurin Dietrich, Leiterin des Kunstvereins, erinnert an die historische Figur des sogenannten Schmuckeremiten, die die Gärten und Parks des englischen Adels im 18. und 19. Jahrhundert zieren sollte. „Mit verzotteltem Bart und zerrissenen Kleidern“ wandelten sie im gepflegten Gelände und „verkörperten das Phantasma der Zivilisationsabkehr“. Noch heute wird KünstlerInnen die Qualität von Hofnarren attestiert, die sich um nichts scheren müssen, deren oft ökonomisch prekäre Außenseiterrolle freilich Ausdruck einer gnadenlos kapitalistisch orientierten Systemrelevanz ist.

In ihrem Aufsatz für das Dossier beschreibt Lise Soskolne temperamentvoll die Arbeitsbedingungen von KünstlerInnen auf Basis der an den Kunsthochschulen vermittelten und schließlich internalisierten Mechanismen des Kunstsystems und beklagt den Verlust einer moralischen Autorität. Soskolne ist Künstlerin, Aktivistin und Mitbegründerin von Working Artists and the Greater Economy (W.A.G.E.), einer New Yorker Organisation, die sich um Transparenz und Regulierung in der Entlohnung von Kunstschaffenden bemüht.

„Not Working“, Kunstverein München, bis 22. November 2020

http://www.kunstverein-muenchen.de/de/programm/ausstellungen/aktuell/not-working

1994 hat der Münchener Künstler Josef Kramhöller eine Geschichte der Kunstausbildung in Großbritannien versucht; die im Dossier abgebildeten Auszüge zu seiner Materialsammlung „The Lord drinks with the Cook in the Kitchen“ geben erschütternde Auskunft über die unverrückbar romantischen (und destruktiven) Erwartungen an die Kunst und ihre Protagonisten.

Zudem hat ihn das ideologische Milieu von Genuss, Stil und Luxus beschäftigt. Niederschlag findet das in seiner Fotoserie von traumgleich verschwommenen Luxusobjekten in exquisiten Münchner Schaufenstern. Scharf gestellt ist lediglich sein Fingerabdruck, den er auf den Scheiben hinterlässt; er suggeriert Verlangen und Missfallen, Ausgrenzung und Zugehörigkeit gleichermaßen.

Bedingungen von Zugehörigkeit

Angharad Williams hinterfragt die Bedingungen der gesellschaftlichen Zugehörigkeit in ihrer Performance „Best Suit“, für die sie sich in Schale geworfen hat und nachts in den gepflegten städtischen Rabatten Blumen klaut. Wird sie nur deshalb nicht aufgehalten, weil sie in den richtigen Klamotten, Maßanzug und teuren Schuhen, steckt? Sieht so aus – und fügt sich ins nicht nur in München ­verbreitete hedonistische Vorurteil. Das Ornat mit exkulpierender Wirkung ist als Herzstück der Aktion ausgestellt.

Stephen Willats beschäftigt sich mit der Wirkmacht von Herkunft und Ausbildung, der entsprechenden Sozialisierung und der somit schwer bis gar nicht herstellbaren Chancengleichheit. Für „Brentford Towers“ fotografierte er 1985 BewohnerInnen der Brentford Towers, einer Gruppe von Wohnsilos in Westlondon, dazu einen von ihnen ausgewählten, sehr persönlichen Gegenstand in ihrer Wohnung und den zu ihrem Lebensraum gehörenden Fensterblick.

Zu einzelnen Schautafeln zusammengefügt und mit Anmerkungen der MieterInnen versehen, entsteht ein berührender, auch verstörender Bilderbogen der Comédie Humaine. Lieblingsstücke und Ausblick mögen sich im Lauf der Jahre verändert haben. Die Hierarchie sozialer Klassenzugehörigkeit ist auch jenseits von Großbritannien unerschütterlich.

Der Bogen ist weit gespannt in dieser Ausstellung. Und führt obendrein zurück in die Anfänge des bald zweihundertjährigen Kunstvereins. Damals war „… Der Lebensraum des Einzelnen meist schon von Geburt an weitgehend definiert; der persönliche und berufliche Werdegang, die Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften und Zünften (…) war Teil der nicht in Frage zu stellenden existenziellen Rahmenbedingungen“, schreibt Adrian Djukic, Archivar des Kunstvereins, in seinem Abriss. Das änderte sich allmählich.

Es entstanden „neue Tätigkeiten in den Wissenschaften, bei Zeitungen, im Schulwesen und in Handelsunternehmen. Auch das Leben neben der Arbeit trug Züge neuer Freiheiten …“ Man pflegte das der Aufklärung verpflichtete Bildungsideal. Ein Fortschritt, den der Hof mit obrigkeitlicher Milde und scharfem Blick begleitete. In dem neuen, allen Besuchern zugänglichen Archivraum ist nun, quasi als anregende Coda zur Ausstellung, Material zu sehen, das die künstlerische Begleitung des Hauses zum Thema Klassenbewusstsein über die letzten Jahrzehnte belegt. Arg viel hat sich nicht getan. Schaut alles nur anders aus. Zeitgemäßer.

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