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Ausstellung „Prägungen und Entfaltungen“Details, in denen man sich verlieren könnte

Das Kunstmuseum Stuttgart holt Werke des fast vergessenen Rolf Nesch hervor und stellt sie der Gegenwartskunst von Nadira Husain und Ahmed Umar gegenüber.

Blick in die Ausstellung, links „Der Heilige Sebastian“ von Rolf Nesch, rechts Arbeiten von Nadira Husain Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart; VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Nadira Husain

1942 erreichte den Künstler Rolf Nesch eine Falschmeldung, die ihn zutiefst erschütterte: Pablo Picasso, dessen „Guernica“ er ein paar Jahre zuvor in Oslo gesehen hatte, sei von den Deutschen nach Auschwitz verschleppt worden. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Nesch gerade an einem großformatigen Relief, einundeinhalb Meter hoch, drei Meter breit, aufgebaut wie ein christliches Altarbild, zusammengesetzt aus allem möglichen Material, aus Zinn und Glas, Mosaiksteinen, Fliesen und Steinen.

Seit der Besetzung Norwegens 1940, wohin Nesch kurz nach der Machtergreifung 1933 ausgewandert war, suchte er zunehmend bei religiösen Motiven nach Bildern für die Verfolgung und die Leiden des Krieges.

So auch bei dieser Arbeit. In der Mitte der titelgebende „Heilige Sebastian“, ein grüner Körper durchbohrt von Pfeilen, die Arme nach oben gereckt, die Beine gekrümmt. Rechts und links spannen Fabelwesen ihre Bögen, ein listiges Schildkrötenwesen, eines mit drohend aufgerissenem Fischmaul. Freundlicher gesinnt der Violinist ganz links im Bild, bekleidet nur mit einer Kette mit den Symbolen für Glaube, Liebe und Hoffnung, und die spitznasige Figur ganz rechts, die ein Schild mit einer norwegischen Widmung hochhält: „Til Pablo Picasso“ (Für Pablo Picasso).

Die Ausstellung

Rolf Nesch, Nadira Husain, Ahmed Umar: „Prägungen und Entfaltungen“. Kunstmuseum Stuttgart, bis 12. April. Katalog (Shift Books): 30 Euro

Zwischen 1941 und 42 entstanden, gilt „Der Heilige Sebastian“ als Schlüsselwerk Neschs. Seit 1959 ist der Sebastian im Besitz der Galerie der Stadt Stuttgart, Vorgängerinstitution des Kunstmuseums Stuttgart. 1964 war er bei der documenta III in Kassel zu sehen. Umfassend restauriert hängt er jetzt im Kunstmuseum Stuttgart in der Ausstellung „Prägungen und Entfaltungen“.

Metalldruck von Rolf Nesch, „Der Zopf“, 1965, Kunstmuseum Stuttgart Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Frank Kleinbach, Stuttgart

Von den vielen seit den 1960ern nicht mehr gezeigten Werken Neschs – in Norwegen ist der Künstler bekannter –, die sich in der Sammlung des Kunstmuseums befinden, ging Kuratorin Eva-Marina Froitzheim aus. Statt in einer Retrospektive entschied sie sich jedoch, diese gemeinsam mit Arbeiten von Nadira Husain und Ahmed Umar auszustellen. Husain, indisch-baskisch-französische Künstlerin, geboren 1980 und in Berlin lebend; Umar, Jahrgang 1988, aus dem Sudan stammend, heute in Norwegen lebend, nicht nur als Künstler, sondern auch als queerer Aktivist. Geboren beide lange nach Neschs Tod, 1975 starb er in Oslo.

Migrationserfahrungen haben alle drei

Wie es im Katalog zur Ausstellung heißt, eröffne sich „ein Dialog dreier transkultureller Künst­le­r:in­nen über das Verhältnis von Kunst, Migration und kultureller Identität in Zeiten geografischer, sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen“. Alle drei, so heißt es weiter, brächten Migrationserfahrungen unmittelbar in ihre künstlerischen Ausdrucksformen mit ein, die jeweils auf Materialität, die Sinnlichkeit von Oberflächen und die Freiheit des Experimentierens setzten.

So wie Nesch 1925 zunächst eher aus Versehen die Druckplatten für seine „Steinernen Jungfrauen“ so lange im Säurebad ließ, bis sich Löcher hineinätzten. Oder wie er später, in einer Serie zu Brücken seines damaligen Wohnorts Hamburg, spontan Drähte und Geflechte auf seine Druckplatte lötete. Auch diese Werke sind zu sehen. Und auf einer großgezogenen Fotografie Neschs Hände, wie sie an einem seiner Metalldrucke arbeiten. Sie schieben bemalte Formen und kleine Objekte aus Metall wie für eine Collage übers Papier.

Briefe aus dem Exil nähern sich seiner Person an. Ebenso ein Ausschnitt aus der SWR-Landesschau über dessen Ausstellung 1959 in der Staatsgalerie: Der Künstler führt darin selbst durch die Räume, zeichnet seine Biografie nach, ganz nüchtern, ohne die Miene zu verziehen, erzählt vom Aufwachsen im Schwäbischen, von Ausbildung und Studium – an der Kunstakademie Dresden war Kokoschka sein Professor. Und davon, wie er 1933 von einer Ausstellung ausgeschlossen wurde und beschloss, das Land zu verlassen.

Vom Umzug nach Norwegen, seiner Begegnung mit dem von ihm verehrten Edvard Munch, der ihn freundlich zum Tee empfing. Auch seine Technik erklärt er. Eine Zigarre zwischen den Fingern balancierend, bewegt sich seine Hand vor einem seiner Materialbilder genannten Reliefs, in die er verschiedenartige Objekte einarbeitete, verweist auf malerische Wirkungen, auf Licht und Schatten.

Ahmed Umar „Glowing Phalanges“ Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Frank Kleinbach, Stuttgart

Sonderbare Gestalten

Überhaupt sind es die Details, in denen man sich verlieren könnte. Gebraucht hätte Neschs Kunst die Gegenüberstellung mit Husain und Umar nicht, doch sie hat ihren Reiz. Das Auge sucht nach Ähnlichkeiten. Bei Husains von indischer Miniaturmalerei und europäischen Comics inspirierten malerischen Installationen findet es diese vielleicht bei den bunten Formen und den sonderbaren Gestalten, die in der Kunst beider auftauchen.

Bei Umar ist es eher das Material und die Art und Weise, wie er sich dieses aneignet, was an Nesch erinnert. Gipserne Hände lässt Umar durch die Wand wachsen, gestenreich zeigen sie filigrane Schätze aus Glas, Hölzern, Hörnern, Leder vor. Seit 2018 arbeitet der Künstler an der Serie „Glowing Phalanges“, verwendet darin Objekte und Fundstücke aus Afrika und Asien, die als Souvenirs auf norwegischen Flohmärkten landeten. „Glowing Phalanges“, glühende Fingergelenke – der Titel verweist auf sufistische und wahhabitische Gebetsrituale. Das Erstaunliche, es versteckt sich auch hier im Detail.

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