Aus für österreichisches Medienportal: Die Flügel gestutzt

Schluss mit Tiefenrecherchen: Der Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz beendet abrupt die Förderung des Nachrichtenportals „Addendum“.

Ein älterer Mann grauen Haaren und beiger Jacke vor einem Fenster.

Ein Mann mit vielen Hobbys: Dietrich Mateschitz Foto: imago images/Manuel Goria

Wenn Unternehmer in Journalismus investieren, dann verspricht das in der unterfinanzierten Branche erst mal große Möglichkeiten. Was aber auch bedeutet, von den Launen eines Milliardärs abhängig zu sein. Das geht jetzt der Redaktion der österreichischen Rechercheplattform Addendum so.

Dietrich Mateschitz, der mit dem klebrigen Energy Drink Red Bull ein Vermögen erwirtschaftet hat, verfügte in der vergangenen Woche überraschend, dass die von ihm gestiftete Plattform und die dazugehörige Medienstiftung Quo vadis veritas Ende des Monats ihre Arbeit einstellen müssen. Das kam so kurzfristig, dass ein neuer Mitarbeiter, der erst am Montag von der Tageszeitung Der Standard zu Addendum gewechselt war, am Dienstag von der Nachricht überrascht wurde. Es sei „trotz einer Reihe relevanter Rechercheprojekte nicht gelungen, die Zielsetzungen der Stiftung zu erfüllen“, hieß es in einer dürren Presseaussendung. Mateschitz wolle seine journalistischen Aktivitäten wieder „stärker auf lösungsorientierte Projekte jenseits der politischen Alltagsauseinandersetzungen konzentrieren“.

In seinem knapp dreijährigen Bestehen hat Addendum jedoch weit mehr geboten als das. Vielmehr hat die Plattform unter Beweis gestellt, dass auch heute noch – mit ausreichend Geld und Zeit – solide journalistische Recherchearbeit geleistet werden kann. Ziel von Addendum war es nicht, mit einer großen Aufdeckerstory Schlagzeilen zu machen, sondern ein Thema mit mehreren Beiträgen von allen Seiten zu beleuchten.

Chefredakteur war Michael Fleischhacker, der vorher mit einer Österreichausgabe der Neuen Zürcher Zeitung baden gegangen war. Einige der erfahrensten Journalisten heuerten an. Die Ausrichtung von Addendum war politisch eher rechts der Mitte, oder, wie der Deutschlandfunk es einmal einordnete, „von einem traditionell-konservativen Blickpunkt aus gegen den Strich gebürstet“. Der Vorwurf der Rechtslastigkeit im Sinne eines „Breitbart der Alpen“ hingegen, wie andere deutsche Medien vor dem Launch 2017 schrieben, entbehrt jeder Grundlage.

Gewollt nicht massentauglich

Zu Beginn setzte man zwar auf die zu dieser Zeit stark von rechts bespielten Themen Migrations- und Flüchtlingspolitik, später folgten aber viele Recherchen zu Fragen, die weniger im Schlaglicht aktueller Debatten standen. In jüngster Zeit waren häufig Enthüllungen über ÖVP-Skandale zu lesen, etwa um die undurchsichtige Auftragsvergabe im Zusammenhang mit Coronamasken. Am Beispiel eines niederösterreichischen Maskenfabrikanten mit Verbindungen zur ÖVP-Elite kritisierte Addendum die Heimlichtuerei um staatliche Großaufträge.

Um wirtschaftliche Rentabilität oder Massentauglichkeit ging es nie, in diesem Fall ermöglicht durch die Finanzierung Mateschitz’. Für den 76-Jährigen ein Klacks. Der leistet sich noch weitaus teurere Steckenpferde als ein Online-Medium mit gelegentlichen Print-Ausgaben – zwei Formel-1-Rennställe und die Fußballteams Red Bull Salzburg und RB Leipzig. Das Wirtschaftsmagazin Forbes führt ihn mit einem geschätzten Vermögen von 23,3 Milliarden Euro als reichsten Österreicher.

Ob Mateschitz sich hier aber wahrhaftig nur philanthropisch betätigte oder vorhatte, auf die Berichterstattung Einfluss zu nehmen, darüber kann man nur spekulieren. Die Mitarbeiter schweigen sich über Interna aus. Das Verhältnis des Stifters zur Redaktion wurde nie transparent gemacht. Ob diese mit ihrer Kritik an der Kanzlerpartei eine ungeschriebene Regel gebrochen hat, weiß man nicht. Auch zur Frage, warum das Projekt gerade jetzt derart abrupt eingestellt wird, erfährt man bislang nicht mehr.

Das Ö1-Medienmagazin „Doublecheck“ mutmaßte am Freitag, Mateschitz habe Chefredakteur Fleischhacker zurückstufen wollen, zugunsten eines äußerst rechten Intendanten in seinem anderen Medienunternehmen, des Privatsenders Servus TV. In jedem Fall zeigt die Sache, dass Journalismus, wenn er auf das Mäzenatentum Einzelner aufbaut, ein kurzes Vergnügen sein kann. Denn ganz abgesehen von der drängenden Frage nach der Unabhängigkeit ist auch immer völlig ungeklärt, wie langfristig ein Stifter an so einem Projekt Gefallen findet.

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