Aus Le Monde diplomatique: Davos der Frauen

In Frankreich setzen sich über 500 wirtschaftsnahe feministische Netzwerke für Frauen in Führungsetagen ein. Das nennt man Marktfeminismus.

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank Christine Lagarde sitzt auf auf einem Podium

Nur unter Ihresgleichen: Frankreichs Finanzfeministin Christine Lagarde Foto: Andreas Henn/dpa

Als der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron am 2. Dezember 2016 im Internationalen Kongresszentrum von Deauville sein Programm zur Gleichstellung vorstellte, sprach er auf Englisch: „Es ist unbedingt notwendig, Frauen den Aufstieg in leitende Positionen in Wirtschaft und Politik zu ermöglichen.“ Im Saal saßen mehrheitlich Geschäftsfrauen und Politikerinnen. Eingeladen hatte das Women’s Forum for the Economy and Society (WF). Keine drei Wochen später unterzeichneten zwei WF-Vorsitzende den Aufruf „Elles marchent“, um Macron im Wahlkampf zu unterstützen.

Das Women’s Forum, dem die Presse den Spitznamen „Davos der Frauen“ verpasst hat, hat seit seiner Gründung 2005 erheblich an Einfluss gewonnen. Die alljährlichen Zusammenkünfte sind ein Treffpunkt für Organisationen und Netzwerke, die mehr Frauen in die Führungsetagen bringen wollen. Die Soziologin Sophie Pochic spricht von „Marktfeminismus“: In den 1980er Jahren jenseits des Atlantiks entstanden, wurde der Marktfeminismus Anfang der 2000er Jahre auch in Frankreich en vogue. Wozu französische Tochtergesellschaften US-amerikanischer Multis entscheidend beigetragen haben.

Françoise Picq, Historikerin, Soziologin und ehemalige Aktivistin der Frauenbewegung MLF (Mouvement de libération des femmes), erklärt dazu: „In den Vereinigten Staaten ist diese Allianz selbstverständlich. In einem kapitalistischen System besorgt man sich das Geld eben da, wo es zu finden ist – mittels Fundraising oder großer Stiftungen.“

Während es in Frankreich noch vor 17 Jahren knapp 100 wirtschaftsnahe feministische Netzwerke gab, sind es heute laut dem Cercle InterElles über 500.Weibliche Führungskräfte von France Télécom, IBM France, Schlumberger und GE Healthcare haben 2001 diesen Eliteklub gegründet, der zugleich als Schaufenster für die Multis und Informationsplattform für Frauen dienen sollte, die leitende Funktionen anstreben.

Wenn die Multis auf Feminismus machen

Erstes erfolgreiches Ergebnis ihrer Lobbyarbeit war im Jahr 2011 die Verabschiedung des Gesetzes Copé-Zimmermann, das private und öffentliche Unternehmen mit über 500 Angestellten und einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro dazu verpflichtete, ihre Kontrollgremien zu jeweils mindestens 40 Prozent mit Männern und Frauen zu besetzen. Ausgenommen von dieser Regelung sind allerdings die Vorstände und Geschäftsleitungen, bei denen die tatsächlichen Entscheidungsbefugnisse liegen. Hier betrug der Frauenanteil 2019 nur 17,9 Prozent.

Die einzige Gesellschaft im CAC 40, dem Leitindex der 40 börsennotierten französischen Unternehmen, an deren Spitze derzeit eine Frau steht, ist der Energieversorger Engie; Isabelle Kocher wird ihre Leitungsfunktion bei Engie Anfang 2021 an Catherine MacGregor übergeben. Nichtsdestotrotz gehört Frankreich nicht nur zu den wenigen Ländern, die überhaupt Quoten eingeführt haben, es kann sich mittlerweile auch auf den höchsten Frauenanteil in den Kontrollgremien großer Unternehmen berufen: 2019 lag er bei 43,6 Prozent, im Vergleich zu 8,5 Prozent im Jahr 2007.

Außer in Frankreich gibt es verbindliche Regelungen bisher nur in Norwegen (seit 2003), Italien (seit 2011) und im US-Bundesstaat Kalifornien (seit 2018). Ende November einigte sich nach langem Streit auch die Regierungskoalition in Deutschland auf eine verbindliche Frauenquote für Aufsichtsräte.

Dass der Feminismus von Eliten vorangetrieben wird, ist nicht neu. Berühmte Beispiele aus dem vorigen Jahrhundert sind vor allem die Suffragetten, die weltweit für das Frauenwahlrecht kämpften, oder in Frankreich die Gesundheitsministerin Simone Veil, deren Gesetzesinitiative zur Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen am 29. November 1974 von der Nationalversammlung angenommen wurde.

Die Angst der Chefin vor Radikalfeministinnen

In der Geschichte des Feminismus gab es immer schon unterschiedliche Strömungen, die einander bisweilen sogar bekämpft haben. Auch Aude de Thuin, die ihr Women’s Forum als „Wirtschaftsforum nach dem Vorbild von Davos“ definiert, will auf keinen Fall mit radikalfeministischen oder gewerkschaftlichen Organisationen in Verbindung gebracht werden.

Von Anfang an wurde das jährliche WF-Treffen, an dem zwischen 1000 und 2000 Frauen teilnehmen, von internationalen Konzernen gesponsert. Engie, McKinsey und das Facility-Management-Unternehmen Sodexo waren ebenso darunter wie Renault, dessen ehemaliger CEO Carlos Ghosn einer der ersten Unterstützer des Women’s Forum war. 2019 belief sich der Umsatz von Wefcos, dem Unternehmen, das das Forum organisiert, auf 6,6 Millionen Euro: Ein Ticket für zwei bis drei Kongresstage kostet zwischen 3000 und 4000 Euro.

Dieses Unternehmensmodell hat auch andere Organisationen inspiriert. Der Club Journée de la femme digitale (JFD), der regelmäßig bei den Konferenzen des Women’s Forum dabei ist, fördert weibliche Start-ups. Finanzielle Unterstützung erhält JFD von einer Handvoll CAC-40-Unternehmen wie dem Mineralölkonzern Total, der Telekomfirma Orange oder L’Oréal, aber auch von US-Konzernen wie Google und Microsoft.

Gleichstellung fördere das Wachstum, ist das zentrale Argument für mehr Frauen in Führungspositionen. Boris Janicek, ehemals leitender Angestellter bei L’Oréal und Co-Präsident im Club 21e Siècle zur Förderung von Diversität in Unternehmen, lobt beispielsweise die Bank Goldman Sachs, die seit Juli 2020 nur noch Börsengänge von Unternehmen begleitet, in deren Vorstand mindestens ein Mitglied mit „diversem Hintergrund“ sitzt und Frauen bevorzugt werden sollen. Janicek versichert: „Hier geht es nicht um Altruismus oder gesellschaftliche Verantwortung seitens der Firmen. In Unternehmen, deren Leitung divers aufgestellt ist, liegt die Wertsteigerung bei 44 Prozent in vier Jahren, in anderen bei nur 13 Prozent.“

Monitoring, Networking und Mentoring

Auch die großen Beratungsfirmen wie EY oder McKinsey vertreten die These, dass die Gleichstellung gut für den Markt und der Markt gut für die Gleichstellung sei. Einmal im Jahr bringt McKinsey in Kooperation mit dem Women’s Forum die Studie „Women matter“ heraus. Darin wird privaten wie öffentlichen Unternehmen ein Standardprogramm für das Personalmanagement nahegelegt: zu „Monitoring“ (Überwachung der Kennzahlen), „Networking“ (die Einrichtung von Netzwerken für Frauen in Führungspositionen) und „Mentoring“ (individuelle Begleitung).

Seit das Gesetz Copé-Zimmermann Wirkung zeigt, schenkt der französische Staat weiblichen Führungskräften zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Unter Macrons Präsidentschaft sind ihre Interessenvertretungen regelrecht im Aufwind. Regierungsmitglieder wie die ehemalige Arbeitsministerin Muriel Pénicaud oder die Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium Agnès Pannier-Runacher waren bereits beim Women’s Forum eingeladen, ebenso wie Astrid Panosyan, die Mitbegründerin von Macrons Partei En Marche! (heute La République en Marche).

Im Oktober 2019 gaben das Wirtschafts- und das Bildungsministerium bei Chiara Corazza, Generaldirektorin des Women’s Forum, eine Studie in Auftrag, die im Februar 2020 unter dem Titel „Les femmes au cœur de l’économie – La France pionnière du leadership au féminin dans un monde en pleine transformation“ (Frauen im Herzen der Wirtschaft: Frankreich als Vorbild für weibliches Unternehmertum in einer sich wandelnden Welt) veröffentlicht wurde.

Dieser Artikel stammt aus der Januarausgabe 2021 von Le Monde diplomatique. LMd liegt immer am zweiten Freitag des Monats der taz bei und ist einzeln im taz-Shop bestellbar: Gedruckt oder digital (inklusive Audio-Version) und im Januar mit einer besonderen Beilage: Dem Fleischatlas 2021. Weitere Informationen unter monde-diplomatique.de.

Der Bericht stützt sich weitgehend auf die Arbeit der verschiedenen Ausschüsse des Women’s Forums, die von verschiedenen Unternehmen geleitet werden: Die Großbank BNP Paribas steht hinter „Frauen und Klima“, das Versicherungsunternehmen Axa leitet den Ausschuss „Frauen und der Zugang zu Gesundheitsdiensten“, und „Frauen und künstliche Intelligenz“ ist eine Initiative von Microsoft.

„Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, aber auch des wirtschaftlichen Erfolgs: 240 Millionen Arbeitsplätze können bis 2025 entstehen und das globale Bruttoinlandsprodukt kann um 28 Billionen US-Dollar wachsen, wenn Frauen und Männer gleichermaßen vertreten sind“, lautet das Fazit der WF-Studie, die als Grundlage für einen Gesetzentwurf zur wirtschaftlichen Emanzipa­tion der Frau dienen soll, der jedoch noch aussteht.

Gender Pay Gap? Nicht so wichtig

Von den 27 vorgeschlagenen Maßnahmen betreffen die meisten den Zugang zu technischen und wissenschaftlichen Berufen, die Einführung von Quoten, den Zugang zu Förderprogrammen oder die Schaffung neuer Stipendien für Hochbegabte. Nur an zwei Stellen werden der Gender Pay Gap erwähnt und gleiche Gehälter gefordert, und nur an einer Stelle wird die Verlängerung des Vaterschaftsurlaubs vorgeschlagen. Diese letzte Maßnahme wurde inzwischen umgesetzt: Ab 1. Juli 2021 soll sich der Anspruch auf Vaterschaftsurlaub von 14 auf 28 Tage verdoppeln.

Diese Wahlverwandtschaft zwischen den „Marktfeministinnen“ und der „Macronie“ hat dazu beigetragen, dass die Gewerkschaften auf dem Feld der beruflichen Gleichstellung an den Rand gedrängt wurden. 2018 ließ sich die Regierung zum Beispiel von Sylvie Leyre beraten, die damals die Personalabteilung des Konzerns Schneider Electric leitete. Arbeitsministerin Muriel Pénicaud lud sie ein, an der Konzeption einer Software zur Beurteilung ungleicher Arbeitsvergütung mitzuarbeiten. Auf Grundlage dieser Zusammenarbeit entstand der Index der beruflichen Gleichstellung, der in das im September 2018 ratifizierte „Gesetz zur freien Wahl der beruflichen Zukunft“ eingeflossen ist.

Während die Regierung Macron die Expertisen von Unternehmenschefinnen und weiblichen Führungskräften aus dem Privatsektor zu Rate zieht, um Gesetzentwürfe auszuarbeiten, hat sie die Beziehungen zu anderen feministischen Organisationen abgebrochen. „Eineinhalb Jahre hatten wir keinen Kontakt zu Marlène Schiappa, der Staatssekretärin für Gleichstellung“, erinnert sich Caroline De Haas, Gründerin des Frauenkollektivs #NousToutes. „Das änderte sich erst nach unserer Demo gegen Femizide im November 2019, an der mehrere zehntausend Menschen teilgenommen haben.“

Auch Marilyn Baldeck, Chefdelegierte der Europäischen Gesellschaft zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz (Association européenne contre les violences faites aux femmes au travail, AVFT), bedauert, dass die „Kommunikationskanäle zu den staatlichen Instanzen“ seit 2017 verschwunden seien.

Eine mal mehr, mal weniger subtile Form von Zensur

Die Staatssekretärin Schiappa steht zu diesem Bruch mit den – wie sie sagt – „Satellitenverbänden der sozialistischen Partei“, wobei sie betont, dass die AVFT weiterhin bezuschusst werde. Hakt man nach, reagiert sie aufbrausend: „Es handelt sich um eine politisch orientierte Vereinigung, die den linken Parteien sehr nahesteht. Ich kann keine Gesetzentwürfe erstellen, indem ich Menschen einen Stift in die Hand drücke, die in Opposition zur Regierung stehen.“ Marilyn Baldeck verwahrt sich sichtlich amüsiert gegen diese Vorwürfe: „Weder die AVFT noch ich selbst standen jemals der sozialistischen Partei nahe, und übrigens auch keiner anderen Partei.“

Die wirtschaftsnahen Frauenverbände haben gute Verbindungen zu Medienunternehmen, die ihnen politisch nahestehen. Sie nutzen diese Kanäle zu Werbezwecken, im Gegenzug können sich die großen Medienkonzerne einen feministischen Anstrich verpassen. Das „Davos der Frauen“ nutzte zunächst die Kommunikationskanäle der „PR-Päpstin“ Anne Méaux, später diejenigen der Agentur Publicis.Jedes Jahr ist dem Treffen eine lobende Berichterstattung im Figaro sicher, in der Zeitschrift Elle sowie in den Wirtschaftsmagazinen Challenges, Les Échos und La Tribune, allesamt Medienpartner des Women’s Forum.

Diese Nähe kann zu einer mal mehr, mal weniger subtilen Form von Zensur führen. Ein Journalist, der für eines der genannten Medien arbeitete, erzählt von einem Telefonat, in dem eine leitende Redakteurin gegenüber einer Freelancerin bestätigt: „Ein Porträt über Anne Méaux zu veröffentlichen, wäre gewagt. Sie ist sehr einflussreich. Sie kennt alle unsere Werbekunden. Wenn ich sie kritisiere, werde ich gefeuert.“

Für dasselbe Blatt verfasste eine junge Journalistin einen Artikel über die Personalpolitik bei L’Oréal, nachdem eine Mitarbeiterin gegen das Unternehmen geklagt hatte, weil sie wegen ihrer Schwangerschaft diskriminiert worden war. Allerdings war L’Oréal der zweitwichtigste Werbekunde dieser Zeitschrift. Die Firma rief umgehend in der Chefredaktion an, um den Artikel ändern zu lassen, der bereits online erschienen war, und eine Gegendarstellung zu veröffentlichen. Seither erwähnt die Zeitschrift den Kosmetikhersteller nur noch mit lobenden Worten.

Business with Attitude

Schließlich legt L’Oréal als Sponsor des Women’s Forum Wert auf ein feministisches Image. Das Unternehmen ist Partner des Beirats für Gleichstellung, der 2019 von den G7-Staaten unter dem Vorsitz Frankreichs eingerichtet wurde. Ähnlich ging auch die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF vor. Im Frühjahr 2019, in der Hochphase der Proteste gegen eine Reform zur Öffnung des Personenverkehrs für den Wettbewerb, rief die Geschäftsleitung in der Redaktion an und bat um einen Artikel, in dem ihre Unternehmenspolitik in Sachen Gleichstellung gelobt wird. Den Journalisten bot sie dafür kostenlose Zugtickets an.

In den genannten Medien ist die Förderung weiblicher Führungskräfte nicht nur ein wiederkehrendes Thema, sondern auch eine Finanzquelle. So verleiht die Zeitschrift Madame Figaro seit mittlerweile vier Jahren den Preis „Business with Attitude“. Ausgezeichnet werden Managerinnen an der Spitze von Start-ups. Rund 100 Kandidatinnen werden von der Redaktion und einer Jury unter die Lupe genommen, die sich weitgehend aus Führungskräften großer Unternehmen zusammensetzt – dieses Jahr mit dabei: La Poste, das Hotelunternehmen Accor, die Privatbank Oddo BHF, der Energieversorgungskonzern Engie, Google und EY sowie die öffentliche Investitionsbank Bpifrance in Gestalt ihres Kommunikationschefs und Exekutivdirektors Patrice Bégay.

Die Zeitschrift Elle ihrerseits hat das Forum „Elle Active“ ins Leben gerufen. 2019 waren die Präsidentin der Europäischen Zentralbank Christine Lagarde, und Jacques de Peretti, General­direktor von Axa France, eingeladen, ihre Ideen zum Feminismus zu präsentieren. Mit von der Partie waren die Netzwerke Force Femmes, Laboratoire de l’égalité, Financi’elles oder InterElles. Ein Stand von L’Oréal Paris lud die Teilnehmerinnen dazu ein, sich schminken zu lassen – mit dem Hinweis, dass bei Vorstellungsgesprächen auch das Erscheinungsbild zählt. Printmedien wie – Elle würden durch solche Veranstaltungen und das damit einhergehende Markensponsoring mittlerweile ihr Überleben sichern, meint Sophie Pochic.

Die Feminisierung der Führungsetagen ist also auf gutem Weg. Anders sieht es jedoch an der Basis der Pyramide aus: 2018 war fast jede dritte Frau in Teilzeit beschäftigt; und weibliche Angestellte machten sogar 78 Prozent der Teilzeitbeschäftigen aus. In stark weiblich dominierten Berufen im Dienstleistungssektor (Reinigungswesen, Gastronomie, Einzelhandel, Pflege und so weiter) sind Teilzeitverträge die Regel.

Zwischen Wohltätigkeit und militantem Feminismus

Um diese Diskrepanz zu beheben, will Delphine Remy-Boutang, Chefin des digitalen Beratungsunternehmens The Bureau und Initiatorin der Journée de la femme digitale, die Unternehmen in die Verantwortung nehmen. Sie sollen ihren Angestellten einen Ausweg aus unsicheren Arbeitsverhältnissen bieten: „Viele Frauen haben einen Arbeitsplatz, der verschwinden wird. Kassiererinnen zum Beispiel. Man muss diesen Frauen helfen, sich digital weiterzubilden.“

Diesen Weg verfolgt auch Force Femmes. In dem 2005 gegründeten Verein machen teilweise dieselben Frauen mit, die sich auch im Women’s Forum engagieren. Ihren Vorsitz führt die bekannte Unternehmerin Véronique Morali. Mit der finanziellen Unterstützung großer Konzerne helfen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen von Force Femmes arbeitslosen Frauen über 45 Jahren, eine Anstellung zu finden oder sich selbstständig zu machen.

„Bürgerliche Frauen haben bisweilen ihre Stellung genutzt, anderen Frauen zu helfen“, meint Françoise Picq: „Die Grenze zwischen Wohltätigkeit und militantem Feminismus ist oft fließend.“ Marion Rabier, Dozentin für Politikwissenschaften an der Universität Mulhouse, wird deutlicher: „Ich denke nicht, dass die Feminisierung der Geschäftswelt automatisch auch ein Hebel für die berufliche Gleichstellung ist.“ Als Beispiel nennt sie eine Unternehmerin, die sie beim Women’s Forum traf. Sie beklagte sich, dass ihre beiden Sekretärinnen gerade im Mutterschutz seien, und vertraute Rabier an, dass sie in Zukunft nur noch ältere Bewerberinnen einstellen wolle.

Aus ideologischen Gründen befürworten diese Frauen eine Politik, die der großen Mehrheit ihrer Geschlechtsgenossinnen schadet. So lobte Laurence Parisot, die Präsidentin des Arbeitgeberverbands Medef, im September 2017 die Beschlüsse zur Reform des Arbeitsrechts, obwohl gut 60 Persönlichkeiten und feministische Organisationen davor warnten, dass die Maßnahmen „die beruflichen Ungleichheiten verstärken“ würden.

Die Staatsekretärin spricht von Kundenzufriedenheit

Seit einigen Jahren streiken immer wieder Servicekräfte, die von Subunternehmern in Hotels beschäftigt werden. Als im Sommer 2019 das Hotel Ibis Batignolles im 17. Pariser Arrondissement bestreikt wurde, kündigte Staatssekretärin Marlène Schiappa an, sich mit der Situation zu befassen. 2015 war Sébastien Bazin, Chef der Accor-Gruppe, zu der das Hotel gehört, Gast des Women’s Forum. Im September 2019 besuchte Schiappa die Streikposten des Ibis-Hotels, um klarzumachen, „dass sie sich nicht in die geschäftlichen Entscheidungen des Unternehmens einmischen und folglich auch nicht gegen die Vergabe an Subunternehmen vorgehen könne“, erinnert sich eine Gewerkschafterin, die den Streik unterstützt hat.

Im Juli 2020 gab Marlène Schiappa ihr Amt an Élisabeth Moreno ab, die beigeordnete Gleichstellungsministerin. Die ehemalige Geschäftsführerin des Computer- und Smartphoneherstellers Lenovo France und später von Hewlett-Packard Afrika ist laut Chiara Corazza eine „Freundin des Women’s Forum“: „Ich werde ihr, so gut ich kann, helfen.“ Moreno war ebenfalls Mitglied im Club 21e-Siècle, besuchte den Journée de la femme digitale und unterstützte Women in Africa, eine 2015 von Aude de Thuin gegründete Initiative. „Ich setze große Hoffnung in Élisabeth Moreno, ich kenne sie gut“, erklärt Thuin, die Gründerin des Women’s Forum.

Kurz nach ihrem Amtsantritt empfing Moreno die feministischen Organisationen, die ihre Vorgängerin ein wenig vernachlässigt hatte, zwar zum Essen. Dennoch ist nicht gesagt, dass damit ein neues Kapitel aufgeschlagen wird. Bei diesem Treffen erklärte eine Aktivistin der Fédération nationale Solidarité Femmes, dass ihre Organisation eine Notrufnummer für Opfer von Gewalt betreibe. Die Ministerin entgegnete daraufhin ganz selbstverständlich: „Ach ja, verstehe, Sie sprechen von Kundenzufriedenheit.“

Einige Wochen später kündigte die Regierung an, dass sie den Betrieb dieser Hotline zum Gegenstand eines Wettbewerbs machen wolle. „Eine Entscheidung, die früher oder später dazu führen könnte, dass sie einem Betreiber anvertraut wird, der sich mehr um die wirtschaftliche Rentabilität als um die Qualität dieser Dienstleistung kümmert“, warnt Solidarité Femmes in einer Onlinepetition vom 16. November.

Aus dem Französischen von Birgit Bayerlein

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