: Aufstand in serbischen Knästen
Gefangene meutern gegen katastrophale Haftbedingungen. Dabei verbünden sich auch Häftlinge verschiedener Nationalität. Dennoch wirken die Ereignisse gesteuert
BELGRAD taz ■ Sie fühlten sich benachteiligt, die Häftlinge in Serbien. Ein Monat war schon seit der „demokratischen Revolution“ vergangen, und sie hatten hinter den Gittern nichts von der neuen Demokratie gespürt: Die Räuber, Mörder, Taschendiebe und Drogendealer genauso wie politische Gefangene. Den gleichen „Fraß“ bekamen sie zu essen, die gleichen Gefängniswärter schikanierten sie, wie zur Zeit der „Diktatur“.
Und, als ob sich eine gut organisierte Verbrechergewerkschaft des Kampfes für die Menschenrechte der Knastbrüder angenommen hätte, brach eine Meuterei nach der anderen in den Zuchthäusern aus. Zuerst in Sremska Mitrovica, dann in Nis, Pozarevac und Padinska Skela.
Und immer nach dem gleichen Rezept: Irgendwie waren die Wächter gerade nicht anwesend, was die Sträflinge ausnutzten, um Gebäude in Brand zu setzten, Barrikaden aufzustellen oder aufs Dach zu klettern. Dann traten sie in einen Hungerstreik und nahmen Verhandlungen mit den zuständigen Ministern der serbischen Übergangsregierung auf, über bessere Lebensbedingungen und – natürlich, über Amnestie. Wenn schon politische Wende, warum dann nicht auch für Gefängnisinsassen?
In Sremska Mitrovica, wo der Aufstand begann, forderten die Sträflinge Kontakt mit den Medien. Über 1.300 Häftlinge sitzen hier ihre Strafe ab, davon 50 ausländische Staatsbürger und sechs zum Tode Verurteilte. Pressesprecher der Zuchthäusler erzählten dann über Torturen mit Baseballschlägern, Rasierklingen, über Prügelorgien, mangelhafte Ernährung sowie die Verweigerung von Medikamenten und ärztlicher Hilfe. Rund 130 Häftlinge albanischer Nationalität wurden evakuiert, weil „ihre Baracken ausbrannten“, wie es offiziell hieß.
Die drei Rechtsminister der serbischen Übergangsregierung bestätigten die „katastrophalen“ Bedingungen in den Gefängnissen, versprachen die Lage zu verbessern und den einen oder anderen besonders sadistisch veranlagten Zuchthausverwalter zu ersetzen. Der jugoslawische Vizepremier, Miroljub Labus, fand an diesen Ereignissen wenigstens eine Sache positiv, nämlich die „Solidarität der Häftlinge verschiedener nationaler Gruppen“. Immerhin sitzen in den serbischen Gefängnissen rund 820 Albaner, davon etwa 700 politische Gefangene.
Die Belgrader Tageszeitung Glas javnosti schrieb indes, der Staatssicherheitsdienst stünde hinter der Gefängnismeuterei, um „Beweismaterial über schmutzige Geschäfte in und mit den Gefängnissen zu vernichten“ sowie „die neuen Machthaber als unfähig darzustellen“. Der berüchtigte serbische Geheimdienstchef Radomir Marković hatte vergangene Woche damit geprahlt, „hervorragende“ Kontakte zur Unterwelt zu haben. ANDREJ IVANJI
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