: Auf Leopold Blooms Spur
Dublin (taz) — James Joyce schrieb 1924 in sein Notizbuch: „Wird sich jemand dieses Datums erinnern?“ Das Datum: der 16.Juni 1904. Der Tag, der mit einem linden Sonnenmorgen beginnt, ist ein Tag wie kein anderer— der Tag, an dem das Joycesche Epos Ulysses spielt. Ulysses — das ist der längste Tag der Weltliteratur.
Der Wortmetz Arno Schmidt lobte das Werk als „erste umfassende Darstellung des Vollblut- Pflastertreters“. Der Pflastertreter ist die Zentralgestalt des Ulysses: Leopold Bloom, ein Odysseus, Anzeigenakquisiteur, ein Hahnrei und Voyeur mit einer Vorliebe für gebratene Innereien und seidene Damenunterwäsche. Das Lese-Abenteuer Ulysses handelt davon, daß sich Bloom und Stephen Daedalus zwischen acht Uhr morgens und zwei Uhr früh unabhängig voneinander, aber auch gemeinsam, durch Dublin bewegen. Dem Wanderer Bloom gehören zehn der achtzehn Kapitel.
Gestern nun, am „Bloomsday“, wandelten wieder Tausende Joyceaner auf den Spuren Leopold Blooms. Der Tag begann um sechs Uhr mit einem Frühstück im Southbank Restaurant in Sandycove. Am benachbarten Wehrturm, in dem Joyce fünf Tage im September 1904 gewohnt hatte, fanden den ganzen Tag über Lesungen statt. Lesungen auch im Schriftstellermuseum am Parnell Square und beim Lunch im „Publicity Club of Ireland“. Und Joyce' Neffe Ken Monaghan führte die Joyce-Irren auf derselben Route durch die Stadt, die sein Onkel damals Leopold Bloom gehen ließ. Viele machten sich auch — mit einer der zahllosen „Joyce-Gebrauchsanweisungen“ bewaffnet — auf eigene Faust auf den Weg. Die Joyce- Industrie ist längst ins Unüberschaubare gewachsen.
Nicht nur die Joyce-Fans, auch die Joyce-Gelehrten aus aller Welt trafen sich gestern zum 13. James- Joyce-Symposium in Dublin, um Joyce weiter zu interpretieren und zu dekonstruieren. Doch Augustine Martin, Organisator der jährlich in Dublin stattfindenden „James Joyce Summer School“, sagt: „Leopold Bloom ist ein ganz gewöhnlicher Kerl. Wenn man sich in seine Sinneswelt einfinden kann, vom Rhythmus des Buches ergriffen wird, ist man gefangen und süchtig und braucht niemanden aus dieser internationalen Baggage.“ J. Schneider/R. Sotscheck
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen