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„At the Sea“ im Berlinale-WettbewerbEine Frau wird erwachsen

In „At the Sea“ erzählt Regisseur Kornél Munduczó vom Neubeginn einer Frau nach der Sucht. Das alles, irritierend, ohne jede Zuspitzung.

Amy Adams in „At the Sea“ Foto: ATS Production LLC

Die Erzählung von Sucht und Entzug ist der Bildungsroman unserer Zeit. Als ob man heutzutage erst in den Strudel einer selbst gewählten Vernichtung geraten sein muss, um fürs Erwachsensein daraus wieder auftauchen zu können, verwundet, aber weise.

Im neuen Film des ungarischen Regisseurs Kornél Munduczó verkörpert Amy Adams so eine Frau. Ihr Name ist Laura Baum. Die Bilder, die sie in den ersten Szenen von der Wand ihres Zimmers im Entzugsresort (das deutsche Wort „Anstalt“ wäre hier fehl am Platz) löst, geben Hinweise auf ihren Hintergrund. Ballett scheint eine große Rolle zu spielen. Einige Fotos zeigen sie als Kind im Tutu an der Seite eines grauhaarigen, schlanken Mannes in Schwarz, der große Autorität ausstrahlt. „Daddy-Issues“ werfen also gleich schon ihre Schatten voraus.

Trotzdem erscheint Laura ganz und gar nicht wie ein Klischee. Adams, zurückhaltend und nuanciert zugleich, verleiht ihr eine melancholische Bodenständigkeit, der man die Sucht kaum ansieht. Dass Laura ein Problem hatte, zeichnet sich deutlicher an der Reaktion der 17-jährigen Tochter ab, die sie vom Flughafen abholt. Josie (Chloe East) ist sauer auf die Mutter und macht keinen Hehl daraus. Ganz offensichtlich musste sie die mütterliche Rolle im Haushalt und beim kleinen Bruder Felix (Redding L. Munsell) übernehmen während Laura weg war. Statt die vom Entzug noch psychisch Instabile mit Liebe und Fürsorge zu empfangen, versucht Josie die Mutter mit demonstrativen Gesten zu beschämen.

Der Film

„At the Sea“:

18. 2., 19 Uhr, Uber Eats Music Hall

20. 2., 16 Uhr, Uber Eats Music Hall

22. 2., 21.45 Uhr, Berlinale Palast

Es sind solche komplexen psychologischen Reaktionen, die einen in Mundruczós Drama hineinziehen. Auch Ehemann Martin (gespielt vom wundervollen Murray Bartlett, dessen Karriere dank der ersten Staffel von „White Lotus“ den lang verdienten Auftrieb erhielt) verhält sich erstmal anders, als man es von vergleichbaren Geschichten kennt. Fast zu entspannt registriert er das Nachhausekommen seiner Frau.

Dass er die Zuspitzung vermeidet, ist vielleicht das Irritierendste an diesem Film.

Es stellt sich heraus, dass er Freunden und Bekannten vorgelogen hat, dass Laura auf einem Recherche-Urlaub in Bali sei. Er begegnet ihr mit einer Freundlichkeit, die etwas zu verbergen scheint. Zwar enthüllt der Film nach und nach ein paar Erkenntnisse über diese Ehe, aber es geschieht verhalten, ohne zugespitztes Drama, und läuft auf ein sehr alltägliches Resümee hinaus: Diese zwei Menschen haben eine längere Geschichte miteinander, die sich durch einen Entzug nicht einfach „zurück auf Anfang“ setzen lässt.

Dass er die Zuspitzung vermeidet, ist vielleicht das Irritierendste an diesem Film, für dessen Drehbuch erneut Mundruczós Ehefrau Kata Wéber verantwortlich zeichnet. Man meint das aus den anderen Sucht- und-Entzuggeschichten zu kennen: der dramatische (Fast)-Rückfall, die Anhäufung des sozialen Drucks, doch erneut zum Glas, zur Spritze zu greifen, dem die Helden und Heldinnen erst widerstehen oder nachgeben müssen, bevor die echte Läuterung erfolgt.

Kleine Krisenmomente statt Eskalation

In „At the Sea“ findet sich die Eskalation durch viele kleine, für Laura krisenhafte Momente ersetzt. Da ist der kleine Sohn, der vor seiner Mutter erstmal wegläuft, weil er ihr nicht mehr vertraut. Da ist der Geschäftspartner – Laura hat von ihrem verstorbenen Vater dessen Tanzcompagnie übernommen –, der auf Finanzenklärung drängt. Und da sind Freunde und Angestellte, die einfach wissen wollen, woran sie nun mit ihr sind.

Angesiedelt ist der Film in der spätsommerlichen Kulisse eines Neid auslösenden Anwesens auf Cape Cod. Ort und Wetter bringen viel Atmosphäre in den Film und ermöglichen schöne Wechsel zwischen Leichtigkeit und innerer Einkehr. Wobei das wohlstandsgesättigte Setting zugleich ein Zuviel an Mitgefühl verhindert: Leid tut einem Laura nie. Amy Adams aber empfiehlt sich mit diesem Auftritt unbedingt für einen Bären.

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