: Astrid Lindgren hat die Villa Kunterbunt verlassen
Die weltberühmte Kinderbuchautorin ist gestern im Alter von 94 Jahren in Stockholm gestorben
BERLIN taz ■ Sie hat eine legendäre Riege an Figuren erfunden. Dass Namen wie Rasmus, Lisa, Ronja, Annika, Stina und Bosse nicht nur in Schweden zu den populärsten Kindernamen wurden, sondern auch in Deutschland, inspiriert durch ihre Geschichten, ist Astrid Lindgren zu verdanken. Ihre Bücher, von denen 1952 in Deutschland „Pippi Langstrumpf“ als erstes veröffentlicht worden war, fanden riesiges Interesse, vor allem in (West-) Deutschland. Die Gesamtauflage ihrer Bücher beträgt bis heute 120 Millionen.
Lindgren, am 14. November 1907 im smaländischen Näs als Tochter eines Pfarrhofpächters und seiner Frau zur Welt gekommen, dort, wo es selbst in Schweden kaum provinzieller und gottesfürchtiger geht, lernte sie zunächst den Beruf der Kontoristin – eine Ausbildung, die es ihr ermöglichte, nach Stockholm zu gehen. Erst spät, mit vierzig, begann sie, jene Geschichten auch aufzuschreiben, die sie für ihre Kinder abends erfand. „Britt-Mari erleichtert ihr Herz“ als erstes Buch lag noch ganz in der Tradition des optimistischen Mädchenromans, aber schon „Pippi Langstrumpf“ machte sie als Autorin einer neuen Kinderbuchgattung kenntlich: Es war die absurd-realistische Geschichte eines Mädchens, dem kein Vorwurf zu machen war außer dem, dass es Dinge tat, die schickliche Mädchen nicht tun.
Anfang der Siebzigerjahre, längst war Astrid Lindgren in ihrer Heimat eine größere Autorität als Olof Palme, löste sie mit einem Zeitschriftenpamphlet einen Skandal aus. Darin rechnete sie maliziös mit dem sozialdemokratischen Fürsorgestaat ab, was zur Abwahl der Partei führte. Auf diese Art ermuntert, nutzte sie ihren guten Ruf noch stärker. Schweden verdankt ihr scharfe Tierschutzgesetze und etliche Kampagnen gegen Gewalt gegen Kinder.
Die Schwedin erhielt 1994 den Alternativen Nobelpreis. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wurde ihr bereits 1978 zuerkannt. Die höchste literarische Anerkennung blieb ihr verwehrt: Im vorigen Jahr, als der 100. Literaturnobelpreis verliehen werden sollte, bekam ein anderer Autor den Vorzug – das Nobelkomitee hat somit die Chance vertan, die populärste Kinderbuchautorin der Welt zu ehren.
Im Alter von 94 Jahren starb Lindgren, die Erfinderin der Villa Kunterbunt, gestern in einem Stockholmer Pflegeheim. JAF
SEITE 3
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen