Artenvielfalt in der Stadt: Innerterrestrisches Leben
In der Stadt gibt es im Sommer einiges an Bioptopen zu entdecken. Schade, dass man kein Mikroskop dabeihat.
„Schau mal“, sagt Maral. Wir stehen mit unseren Rädern am Potsdamer Platz an der roten Ampel. Sie deutet auf den Wolt-Essensausfahrer vor uns. „Was ist mit ihm?“, frage ich. „Seine Handschuhe.“
Stimmt. Er hat noch immer diese überdimensionierten Handschuhe am Lenker. Ein Überbleibsel vom Winter. Sie sind fest an den Griffen montiert. In den kalten Monaten habe ich die Essensausfahrer darum beneidet. Man steigt aufs Rad und ist mit seinen Händen sofort im Warmen. Jetzt haben wir allerdings Juni. Wir tragen T-Shirts. Das sind Backöfen“, sagt Maral. „Da schwitzt man doch drin. Abnehmen und reinigen lassen sie sich auch nicht.“
Der Essensausfahrer hat die Unterarme lässig auf dem Lenker liegen. Er summt ein Lied mit, das nur er auf seinen Kopfhörern hört. Zumindest jetzt sind seine Hände an der frischen Luft. „Von den Handschuhen geht bestimmt eine olfaktorische Wucht aus“, sagt Maral. Ich schaue weiter auf den Mann. Wenn das so ist, scheint er zumindest kein Problem damit zu haben.
„Vielleicht benutzt er Raumspray“, sage ich. „Oder stopft die Handschuhe über Nacht mit Duftbäumchen aus. Vielleicht riechen sie gar nicht so schlimm.“ „Selbst wenn“, sagt Maral. „In den Handschuhen herrscht auf jeden Fall ein wildes Mikroklima. Ein idealer Nährboden für Keime, Bakterien, Pilze und was weiß ich noch alles.“ „Du meinst, da drinnen gibt es innerterrestrisches Leben?“ „Ich bin keine Biologin, aber ich halte das durchaus für möglich.“
Ich schaue mit einem neuen Blick auf die Handschuhe. Sie bewegen sich nicht. Es kommt auch nichts aus ihnen herausgekrochen. Der Wolt-Fahrer ist weiter in seiner Silent Disco-Welt. Zu einem für uns verborgenen Rhythmus wiegt er seinen Oberkörper vor und zurück.
Dann springt die Ampel auf Grün. Er schlüpft in die Handschuhe, tritt in die Elektropedale und ist weg. „Ich hätte die Handschuhe gerne mal unter einem Mikroskop betrachtet“, sagt Maral. „Ich werde mit Essensbestellungen in nächster Zeit zurückhaltender sein“, sage ich.
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