der rote faden

Schade, alles kaputt! Hat aber Spaß gemacht

Foto: Tal Sterngast

Durch die Woche mit Ulrich Gutmair

Die Hitze produziert Eilmeldungen: „Im niedersächsischen Lingen stieg die Temperatur auf 42,0 Grad, wie der Deutsche Wetterdienst in Offenbach mitteilte.“ Die Grünen fordern mehr Home Office und Hitzefrei für alle, die draußen arbeiten müssen.

Als ich lese, dass immer mehr Chefs aufs eigene Büro verzichten, vermute ich, das hätte auch mit der Hitze zu tun. Werde aber eines Besseren belehrt. Sich unter die Mitarbeiter zu mischen ist das neue Ding. Wie gut, dass es ein Leben nach Sonnenuntergang gibt. Man muss bloß mit dem Rad zum Späti rollen. Sich ein Bier kaufen und auf eine freie Bank setzen. Am Nebentisch junge Männer, die Musik hören.

Ich merke auf, als sie etwas spielen, was sich wie die sowjetische Hymne in ihrer Eurodancefassung anhört. Erst singt eine Frau auf Russisch von Helden, wenn ich das richtig verstehe, und dann auf Englisch über etwas, was ich vergessen habe. War ja Feierabend.

Bier

Trotzdem brach die journalistische Neugier in mir durch. Wer sind die und was hören sie? Könnte man bei der nächsten Weihnachtsfeier spielen! Aber sie verstehen mich nicht. Ich setze mich dazu, das wird wohl einen Moment dauern. Es sind die Leute, die im Freien arbeiten müssen: Bauarbeiter aus Russland, Rumänien und Moldawien, nur der Mann mir gegenüber schweigt.

„Ja ne gawarju parusski, tolka nemjoschka. Musika?“, frage ich meinen Nebenmann. Verständnis, am anderen Ende des Tischs: „Chelene Fischer! Sibirjaka.“ Na klar, Helene aus Krasnojarsk! Seit Willy Brandt und Modern Talking hat niemand so viel für die deutsch-russische Freundschaft getan wie Jelena Petrowna Fischer.

Jetzt meldet sich mein Gegenüber zu Wort, auf Deutsch. Er hat mich die ganze Zeit beobachtet, verstanden, was ich will, kann aber noch weniger Russisch als ich. Ein Rom aus Westfalen sei er, sagt David. Er versucht, mit meinem russischen Sitznachbarn Sascha per Google Translate zu kommunizieren, was sich schwierig gestaltet, weil das Telefon kein Kyrillisch kann oder denkt, es müsse aus dem Rumänischen ins Deutsche und nicht aus dem Deutschen ins Russische übersetzen.

Irgendwann kommt doch was bei Sascha an. Er liest etwas auf Davids Telefon und ist empört, aber nicht im Ernst, auch wenn ich mehrmals das Wort chui verstehe. Ein paar Sätze auf Deutsch kann Sascha: „Geh zur Hölle!“ Was hat David denn Sascha geschrieben, will ich wissen. Der reicht mir das Telefon: „Du siehst wunderschön aus.“ Was für ein Spaß, so ein Bier auf der Bank vor dem Späti mit netten Menschen.

Bauarbeiter

Nachdem ich ihm verraten habe, wo ich arbeite, sagt David, er lese, wenn er Muße habe, die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche und die Frankfurter Rundschau. Aber er interessiere sich kaum mehr für Innenpolitik, sondern für die ame­rikanische „Shit Show“, die er über YouTube verfolgt.

Ich selbst habe keine Lust mehr auf die „Shit Show“, weil sich alles ständig wiederholt wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier“. Robert Mueller spricht bei einer Anhörung, okay, aber ein Impeachment liegt in weiter Ferne, so what?

Dann lieber checken, was der Verrückte so treibt, der eben noch der skurrile Bürgermeister von London war und seit dieser Woche, unbelievable, but true in Downing Street No. 10 residiert.

Boris

Boris Johnson hat, vor seiner neuen Wohnung stehend, erklärt, was er vorhat: 20.000 Polizisten will er einstellen und dafür sorgen, dass die Briten nicht mehr drei Wochen warten müssen, bevor sie einen Termin beim Hausarzt bekommen. Er verspricht „Upgrades“ im Krankenhaussystem, whatever that means, und das baldige Ende der Krise in der Sozialfürsorge.

Das entscheidende Problem, um das sich die Brexiteers seit zwei Jahren herumdrücken – die Grenze zwischen der Republik Irland und dem zum Vereinigten Königreich gehörenden Nordirland – wischt der Blonde beiseite: Er sei überzeugt, dass es einen Deal mit der EU ohne Grenzkontrollen in Irland geben könne.

Brexit

Dass das wohl nicht funktionieren wird, wissen vermutlich auch seine Wähler. Aber wie spielende Kinder genießen sie ihre narzisstische Angstlust zu sehr: Wie weit kann ich gehen? Wie viele Steine kann ich auftürmen, bevor die Konstruktion zusammenbricht? Noch einen? Oh, schade, jetzt ist alles kaputt! Hat aber Spaß gemacht.

Wenn es dumm für sie geht, befördert die Sturheit der Brexiteers die irische Wiedervereinigung. Dann wird Europa feiern. Aber Johnson meint, Leute wie ich, die doubters, doomsters and gloomsters, also die Zweifler, Skeptiker und Schwarzmaler, würden einmal mehr unrecht behalten. Schauen wir mal.

Am Biertisch vor dem Späti versucht jetzt Sascha, per Telefonübersetzung David etwas mitzuteilen: „Bin ganz normal informiert.“ Den Satz werde ich mir merken.

Nächste Woche Ebru Taşdemir