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Scheitern ist Leben

Begrab die Hoffnung an der Biegung des Flusses: E. L. Doctorows „Sweet Land Stories“

Man kann die fünf Geschichten aus E. L. Doctorows neuem Erzählband „Sweet Land Stories“ in einem einzigen Wort zusammenfassen: „trotzdem“. Deutlich wird das schon in der ersten Geschichte „Ein Haus in der Ebene“, in der der noch jugendliche Earle mit seiner Mutter Chicago verlässt, um aufs Land zu ziehen.

Davon ist er alles andere als begeistert. Aber Earle wird den Umzug ebenso wenig verhindern können wie die Grausamkeiten, die noch folgen. Er kann all das nur zur Kenntnis nehmen, ein wenig darunter leiden, es dann abhaken und woanders weitermachen. So sieht die Abfolge aus, in der E. L. Doctorow seine Figuren platziert. Die folgenden Geschichten „Baby Wilson“ (über eine Babyentführung und die Folgen) und „Jolene: ein Leben“ (über den Lebens- und Leidensweg einer jungen Frau) beginnen erschütternd. Dass die erste Geschichte dann gut, die zweite aber übel ausgeht, liegt in einer Mischung aus purem Zufall und blindem Aktionismus begründet.

Doctorows Protagonisten sind wie bei Jean-Paul Sartre „ins Sein Geworfene“. Werden sie tatsächlich mal – im Wortsinn – zu Akteuren, so besteht ihr selbst bestimmtes Handeln allein in der Flucht. Die Welt lässt sich ja doch nicht ändern. Oder, wie es in „Jolene: ein Leben“ heißt, „die Welt machte einfach weiter, als wären Menschen das Letzte, was sie brauchte oder wollte“.

Es geht bei Doctorow nicht, wie es in manchen amerikanischen Rezensionen zu lesen war oder wie es in anderen jüngst erschienenen Storybänden tatsächlich ist (etwa in Matthew McIntoshs „Man braucht verdammt lang um hinzukommen“), um die Ausweglosigkeit von Unterprivilegierten im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Manche seiner Figuren sind Anwälte, leitende staatliche Angestellte oder sie kommen anderweitig zu einem guten Einkommen und zu gesellschaftlichem Status. Das aber schützt nicht davor, wieder und wieder eins auf den Schädel zu bekommen, bis man sich schließlich fügt. Oder bis man flieht. So ergeht es in der letzten Geschichte schließlich auch dem FBI-Agenten B.W. Molloy, der den Fund einer Kinderleiche auf dem Gelände des Weißen Hauses zu untersuchen hat.

„Sweet Land Stories“ versammelt hübsch-abgründige Geschichten von mehr oder weniger stinknormalen Amerikanern, die genau wissen, dass das Scheitern einfach zum Dasein gehört und dass das Leben auch dann weitergeht, wenn die Hoffnung stirbt. Manche von ihnen bekommen ganz kurz vor dem Abgrund noch die Kurve, andere fahren – trotzdem – geradeaus, bewusst oder unbewusst. Man muss deswegen nicht gleich, wie es im Klappentext heißt, von der „Kehrseite des amerikanischen Traums“ sprechen. Denn bei Träumen ist es nun mal so, dass sie meistens nicht in Erfüllung gehen. MAIK SÖHLER

E. L. Doctorow: „Sweet Land Stories“. Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 192 Seiten, 17,90 €

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