Architekturmuseum TU München: Die Abschaffung der Obdachlosigkeit

Die Ausstellung „Who’s next?“ im Architekturmuseum München in der Pinakothek der Moderne beschäftigt sich mit Obdachlosigkeit in der Stadt.

Vogelpersektive, man schaut auf bunte Flecken, die streng in Reihe stehten und tatsächlich Zelte der Obdachlosen sind

Erstes befristet genehmigtes Zeltlager für Obdachlose, Fulton Street, San Francisco 2020 Foto: Christopher Michel/Architekturmuseum TUM

Eine in ihrer Einfachheit geradezu beschämende Rechnung, die das Architekturmodell der sozialen Initiative Plaza Apartments in San Francisco flankiert, geht so: 8.500 Dollar jährlich kostet die Unterbringung einer Person in einer der kleinen Wohnungen; die von der Gesellschaft aufzubringenden Kosten für ihre über die Maßen prekäre Existenz auf der Straße belaufen sich auf das Zehnfache.

Um Obdachlosigkeit also, dieses sich global ständig ausweitende Phänomen, geht es in einem mit internationaler Beteiligung angelegten Projekt des Architekturmuseums der Technischen Universität München. Der Fokus ist – naturgemäß – auf die Auswirkungen, Bedingungen und sich anbietende Lösungen im urbanen Raum gerichtet.

Die sehenswerte, von einem instruktiven Katalog mit aspekt­reichen Essays begleitete Ausstellung „Who’s next? Obdachlosigkeit, Architektur und Stadt“ stellt zunächst streng faktenbasiert und bar jeder Sozialromantik, dafür umso eindringlicher die gesellschaftlich, juristisch, geopolitisch und klimaabhängig extrem unterschiedliche Situation in acht außereuropäischen Großstädten dar, bevor sie sich bereits bestehenden beziehungsweise geplanten architektonischen, auch europäischen Projekten zuwendet.

EU Resolution zur Obdachlosigkeit

Das EU-Parlament hat vor einem Jahr eine Resolution verabschiedet, der zufolge bis 2030 die Obdachlosigkeit in der EU abgeschafft werden soll. Ein hehres Ziel, das längst schon durch die Charta der Vereinten Nationen postuliert ist, die „jedem Menschen das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familie, einschließlich Nahrung, Bekleidung und Wohnung“ zuschreibt.

„Who’s next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt“ läuft noch bis 6. Februar im Architekturmuseum der TUM in der Pinakothek der Moderne, München. Der Katalog (ArchiTangle) kostet 38 Euro im Museum, 48 Euro im Buchhandel

Diese Übereinkunft, diesen Gesellschaftsvertrag zu erfüllen wird zunehmend schwieriger, wenn nicht unmöglicher. Vor allem in Asien und Afrika explodieren die Einwohnerzahlen der Megacitys.

Housing First ist gemäß einem in den achtziger Jahren ins Leben gerufenen, freilich auch von Rückschlägen betroffenen Konzept in den Vereinigten Staaten derzeit fast allerorten die Devise. Denn Obdachlosigkeit meint nicht nur ein Leben auf der Straße, sondern, was vielfach übersehen wird, auch ein Leben in Notunterkünften.

Weitab von einem wohlfeilen Helfersyndrom

Im Vergleich der Metropolen macht die Präsentation deutlich, dass weder über einen Kamm geschoren werden kann, noch Standardlösungen per se Abhilfe schaffen können. Allein schon die Gründe für die Obdachlosigkeit sind weitgehend abhängig von regionalen Gegebenheiten und Entwicklungen. Der Blick der Architekten nimmt das für die Ausstellung, weitab von einem wohlfeilen Helfersyndrom, nüchtern und mit schockierendem Befund anschaulich ins Visier.

In Moskau, erfährt der Besucher, gab es unter kommunistischem Regime keine Obdachlosigkeit, das war ein Ausfluss kapitalistischer Dekadenz. Damals und heute wurde und wird sie schlicht ignoriert, ist natürlich in großer Zahl zu beklagen und traditionell seit eh und je auf private Initiativen angewiesen, die versuchen den Kältetod der auf den Straßen Lebenden zu verhindern.

Ganz anders in Los Angeles, der „Hauptstadt der Obdachlosigkeit“. Hitze, Feuer, Wassermangel sind dort die Ursache für Leid und Tod. Hier wirft die allgegenwärtige Segregation ein gleißendes Licht auf die gesellschaftlichen Verwerfungen und ihre lebensbedrohlichen, zutiefst inhumanen Folgen.

Allerorten steigen die Zahlen

Allerorten aber steigen die Zahlen rasant an. Für São Paulo gilt zwischen 2000 und 2019 ein Anstieg um das Dreifache. In einem Moloch mit geschätzt 12,5 Millionen Einwohnern gedeiht alles nur Vorstellbare – unermesslicher Reichtum und Kriminalität, Parallelgesellschaften in riesigen Favelas, dazu circa 25.000 (de facto weit mehr) Obdachlose.

Verstehen, Kritik und Erstellung von Wohnbaukonzepten sind in Brasilien integraler Teil der Architektenausbildung, trotzdem muss, wie es in einem Katalogbeitrag heißt, „eine Wohnungspolitik, die einfach nur Wohnungen bereitstellt und die Architektur damit zu einer heroischen Geste macht, die allein tiefgreifende gesellschaftliche Probleme bewältigt“, unverzüglich „Wohnungsbauprogramme aufgreifen, die Segregation und sozioökonomische Verwundbarkeit angehen und zu einem fachübergreifenden Ansatz beitragen“.

Die landläufige Meinung die den Obdachlosen grundsätzlich Disziplinlosigkeit, Sucht und persönliches Versagen zuschreibt, wird sich wohl, so auch der Tenor der Ausstellung, nicht so schnell entkräften lassen. Richtig ist aber auch, dass diese Menschen, wie Soziologen und Sozialarbeiter bestätigen, erst durch Instabilität und Schutzlosigkeit krank, vor allem psychisch krank werden.

Punkveteranen, die den Absprung versäumt haben

Und wahr ist auch, dass so manche obdachlose Person (der Frauenanteil ist insgesamt geringer, doch sind sie die Vulnerableren auf der Straße) nicht mehr in sogenannt geordnete Verhältnisse zurückkehren will, zumal diese es oft nur vermeintlich sind. Sie fühlen sich frei, wiewohl nur vogelfrei und meist rigoros exponiert; sie scheren sich nicht um Akzeptanz und Regeln, leben ihre Straßenanarchie (manche sind tatsächlich Punkveteranen, die den Absprung nicht mehr geschafft haben), wollen nicht gegängelt werden.

In ihrer zweiten Abteilung präsentiert die Münchner Ausstellung dann eine Reihe von hervorragenden Wohnmodellen, abgeschlossenen und geplanten. Darunter das Wiener VinziRast, das in einem vorbildlich renovierten Biedermeierwohnhaus inmitten der Stadt kleine Wohnungen zur gemischten Nutzung für Studenten und Wohnungslose installiert hat.

Es sind sämtlich anspruchsvolle, gut durchdachte, auch anregende Entwürfe, mal inmitten, mal am Rand der Stadt

Aber auch Großprojekte wie The Brook in der Bronx, wo 190 Einzimmerapartments, Gemeinschaftsräume und Werkstätten Unterschlupf bieten. Die Tendenz zur Gettobildung lässt sich bei solchen groß angelegten Maßnahmen allerdings nicht von der Hand weisen.

Kein sentimentales Rührstück

Es sind sämtlich anspruchsvolle, gut durchdachte, auch anregende Entwürfe, mal inmitten, mal am Rand der Stadt. Natürlich benötigen Wohnsituationen mit derart verstörten Personen ein hohes Maß an Betreuung, wenn sie erfolgreich zu einer Wiedereingliederung führen sollen. Viele von ihnen sind ohnehin nur auf eine begrenzte Verweildauer ausgelegt. Tatsächlich gelingt es, wie eine Studie belegt, etwa bis zu siebzig Prozent der Bewohner, wieder Fuß zu fassen.

Ein steiler, ein anstrengender, von Rückschlägen gezeichneter Weg für sämtliche Beteiligte. Und ganz sicher kein sentimentales Rührstück mit lieben Esoterikern und gemütlichen Aussteigern, die, wenn das Geld mal richtig ausgeht, ein bisschen Unterschlupf beim weltweit anerkannten Sozialkonzern Amazon finden, wie das in dem Poverty Porn „Nomadland“ so anheimelnd beschrieben wird.

Sicher, etliche haben sich in ihrer Schutz- und Heimatlosigkeit ganz gut eingerichtet. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie in unserer grandios, doch sehr fragil angelegten Gesellschaftsstruktur keinen menschenwürdigen Platz mehr finden. Es sollte uns humanitäre Pflicht und Ehre zugleich sein, sie zu schützen. Ideen gibt es, Geld sowieso.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de