Arbeitsmarkt: Fordern nur mit Fördern sinnvoll

Unternehmen klagen häufig, die Jugend von heute sei vielfach zu dumm für eine Ausbildung. Weil sie den Nachwuchs aber brauchen, bemühen sie sich um ihn.

Haben einen Ausbildungsjob: Mechaniker-Lehrlinge bei der Handwerkskammer Bild: dpa

Tobias Golenia ist nervös. In wenigen Tagen hat er ein Vorstellungsgespräch bei der Deutschen Bahn. Davon wird abhängen, ob er eine Ausbildung als Mechatroniker beginnen kann. Es ist der Wunschtraum des 16-Jährigen, doch er weiß, dass es nicht leicht wird: Tobias ist Hauptschüler. "Das ist ein Stempel", sagt er. "Hauptschüler" steht für dumm, unwillig, ungehobelt, kurz: nicht ausbildungsfähig. Eine Gruppe, über die sich Klagen häufen. "Die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger ist ein großes Problem", bekräftigte jüngst Christoph von Knobelsdorff, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin.

Arbeitgeberverbände gehen davon aus, dass etwa 40 Prozent aller Hauptschulabsolventen ohne Vorbereitung nicht ausbildungsfähig sind. Jüngst erklärten die Berliner Hoteliers und Gaststättenbetreiber, ihre Lehrstellen kaum mehr besetzen zu können - nicht weil es an Berliner Anwärtern mangele, sondern weil diese die Anforderungen nicht erfüllten. "Dieses Jahr haben uns erstmals Hotels angerufen, die ihre freien Ausbildungsplätze nicht füllen konnten", sagt Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin (Dehoga). Auch die IHK sieht "gravierende Schwächen" bei den Ausbildungsplatzsuchenden.

Zugleich bereiten sich Politiker und Wirtschaftsvertreter darauf vor, dass sie künftig mehr auf den Nachwuchs zugehen müssen. Denn die demografische Entwicklung ist negativ: Geburtenrückgang und Abwanderung lässt die arbeitsfähige Bevölkerung in der Region weiter schrumpfen. Das zwingt Betriebe und Kammern, sich auch um die Ausbildung schwacher Schüler zu kümmern: Die Wirtschaft "werde schon bald jeden jungen Menschen brauchen", urteilt die Bundesregierung.

Schon zeichnet sich ab, wie der Nachwuchs hofiert werden wird. Manager betreuen ehrenamtlich Auszubildende, damit die ihre Lehre nicht abbrechen und soziale Defizite ausgleichen können. Die IHK fordert Betriebe auf, verstärkt mit Schulen zusammenzuarbeiten und jungen Menschen Berufsorientierung zu geben. Statt auf Bewerbungsmappen zu warten, sollen Firmen den Nachwuchs buchstäblich in der Schule abholen. Die IHK selbst fördert eine sogenannte Einstiegsqualifizierung, die lernschwachen Jugendlichen Praktikumsplätze in Betrieben vermittelt. Das duale Lernen an den neuen Sekundarschulen geht in dieselbe Richtung - hier sammeln Schüler im Rahmen des Unterrichts Praxiserfahrung bei Unternehmen.

Auch Tobias Golenia profitiert von dem Bemühen um die künftige Generation. Er wird vom "Berliner Netzwerk für Ausbildung" gefördert. Getragen von der Akademie für betriebswirtschaftliche Weiterbildung sollen damit die Chancen von Schülern auf dem Ausbildungsmarkt erhöht werden. Etwa 800 junge Menschen werden so mit speziellen Coachings fit für das Berufsleben gemacht. Die Werner-Stephan-Oberschule in Tempelhof schickte im vergangenen Jahr neben Tobias Golenia neun Schüler zu der speziellen Form der Berufsvorbereitung. "Die Schüler müssen in der Lage sein, selbstständig Termine wahrzunehmen, sie dürfen nur wenige Fehltage haben und sie müssen gute Leistungen zeigen", erklärt Lehrer Helmut Ruppersberg.

Für viele sind das hohe Hürden. "Bei uns landen Kinder aus gescheiterten Elternhäusern; der Anteil der alleinerziehenden Eltern ist hoch", sagt Ruppersberg. Tobias etwa geriet in der Schule ins Straucheln, als seine Eltern sich trennten. Die Leistungen sanken so rapide, dass ein Übertritt aufs Gymnasium nicht mehr infrage kam. Jetzt lebt der 16-Jährige bei seiner Mutter, die ihn unterstützt, so gut sie kann - und ihre knapp bemessene Zeit neben ihrem Beruf als Apothekerin es erlaubt.

Lehrer Ruppersberg betont indes: "Hauptschule ist nicht gleich Hauptschule." Die Lehrer der Werner-Stephan-Oberschule etwa besuchen Familien zu Hause, um sich ein Bild vom Schüler zu machen. An der Schule gibt es Streitschlichter, Teamarbeit wird forciert. Die Jugendlichen sollen Teil der Schulgesellschaft sein - und sich nicht als Chancenlose auf dem Abstellgleis fühlen.

Tobias ermutigt seine Mitschüler, sich um einen Platz im Netzwerk zu bemühen. "Ich habe beim Coaching zum Beispiel gelernt, wie man sich gut präsentiert, und manches davon war neu", erzählt er. Ein fester Händedruck zur Begrüßung, dem Gegenüber in die Augen schauen, in ganzen Sätzen sprechen. "Das hat schon etwas gebracht." Den Eingangstest bei der Deutschen Bahn hat er so geschafft. In der Tat macht der schlanke Junge einen aufgeweckten Eindruck; im Gespräch gibt er sich höflich und interessiert.

Sein Mitschüler Baris Celebi sagt, er profitiere vor allem von den Tipps der Betreuer: Wo finde ich potenzielle Ausbilder? Auf welchen Webseiten finde ich Berufe in meinem Interessensgebiet? "Früher habe ich die Schule gar nicht ernst genommen", sagt der kräftige Junge. "Dann war ich auf einmal Klassenbester, vielleicht weil in der siebten Klasse alles so leicht war." Eine echte Erklärung dafür hat er nicht, aber Baris fand den Aufstieg aus dem Notenkeller reizvoll - und blieb dran. Der ebenfalls 16-Jährige will Koch werden; er hilft bei einem indischen Restaurant in seiner Nachbarschaft aus, mit Unterstützung des Netzwerks hat er sich nun beim Hotel Albrechtshof in Mitte beworben. Baris wünscht sich, dass mehr Schüler die Chance auf Förderung haben. "Es wäre echt besser, wenn mehr drin sind."

Manager als Paten

Hans-Peter Apel ist einer der Ehrenamtlichen, die sich darum kümmern, dass die Jugendlichen auch "drin bleiben". Er betreut in Berlin die Ausbildungsinitiative "Vera", die eine Wirtschaftsstiftung gemeinsam mit Kammern und dem Branchenverband für Freie Beruf gestartet hat. Manager übernehmen dabei gleichsam Patenschaften für Auszubildende. Sie beraten sie bei fachlichen, aber vor allem auch sozialen Problemen. Apel verweist darauf, dass jeder fünfte Ausbildungsvertrag vorzeitig gelöst wird - und Berlin stets an der Spitze bei den Abbrecherzahlen liege. "Das ist nicht nur ein persönliches Problem - es zieht Schwierigkeiten in der Firma, in Familie und Gesellschaft nach sich", sagt Apel, der selbst aus der freien Wirtschaft kommt.

Die Stärke von "Vera" liegt in der persönlichen Betreuung - während es bei der Handwerkskammer Apel zufolge sechs Berater für 6.000 Bewerber gibt. "Da kann man sich ausrechnen, wie viel Zeit bleibt." Die "Vera"-Helfer treffen mit den Jugendlichen verbindliche Vereinbarungen, sie bauen Vertrauen auf. Ziel ist, die Persönlichkeit des oder der Einzelnen zu stärken und allgemeine Defizite auszugleichen. Die Einschätzungen von Kammern und Betrieben nämlich teilt Apel: "Viele können nicht mehr lesen, schreiben, rechnen." Er habe Prüfungen gesehen, die vor Grammatikfehlern "nur so strotzten. Früher hätte man nicht darüber hinweggesehen." Hauptproblem sind seiner Erfahrung nach indes zuallererst fehlende soziale Kompetenzen: Pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, Chef und Kollegen im Gespräch anzuschauen, "danke" und "bitte" zu sagen. Apel arbeitet seit Jahren auch als Schulmediator.

Ergebnisse, inwieweit die Zahl der Abbrecher dank "Vera" zurückgeht, liegen bisher nicht vor. Allerdings berichtet die IHK, dass mehr als 60 Prozent der Jugendlichen, die eine betriebliche Einstiegsqualifizierung aufnehmen, später im selben Unternehmen einen Ausbildungsplatz ergattern. Und das Netzwerk für Ausbildung erklärt auf seiner Internetseite, dass die ersten 37 Jugendlichen des Jahrgangs 2009/2010 "es geschafft haben": Sie beginnen im Sommer mit einer betrieblichen Ausbildung.

Tobias Golenia wird wohl dabei sein. Er erhält eine Zusage von der Deutschen Bahn; im Sommer soll er dort eine Ausbildung beginnen. Die Voraussetzungen haben seine Lehrer und die Förderer im Netzwerk Ausbildung gelegt. Geschafft hat er es selbst.

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