Arbeitsbedingungen bei Lieferdiensten: Riders on the Storm

Die Gorillas-Rider trommeln zur Demo. Aber sie sind längst nicht die einzigen, die unter schlechten Arbeitsbedingungen leiden.

Wolt-Fahrer auf einer Brücke

Allein machen sie Dich ein Foto: dpa

BERLIN taz | Es könnte die größte Protestaktion der Fah­re­r:in­nen des Lebensmittellieferdienstes Gorillas werden. Schon seit zwei Wochen trommelt das Workers Collective der seit Monaten kämpfenden Rider für ihre Demo am Dienstagnachmittag, die von etwa 20 linken Organisationen unterstützt wird. Doch Gorillas ist nur eines von inzwischen mehr als einem halben Dutzend Unternehmen, die in dem Liefermarkt von Lebensmitteln und Restaurantbestellungen konkurrieren.

Auf den Websites der Unternehmen von Wolt bis Foodpanda werden ein garantierter Mindestlohn, flexible Arbeitszeiten und ein Support für die Kuriere versprochen. Schaut man hinter die Fassade, sind schlechte Arbeitsbedingungen allerdings nicht nur bei Gorillas die Regel. Kuriere beklagen, dass sie oft zu spät oder falsch bezahlt werden. Sie fahren auf teils kaputten Rädern und in schlechter Ausrüstung oder müssen auf das eigene Rad oder Handy zurückgreifen.

Dabei geben sich die Unternehmen im Wettbewerb um die Fah­re­r:in­nen generös. Wolt, ein Technologie-Start-up aus Helsinki, beschreibt sich als „tief verwurzelt im Modell des skandinavischen Wohlfahrtsstaates“. Flexible Vertragsoptionen und der garantierte Mindeststundenlohn von 11 Euro sollen potenzielle Rider locken. Alle Rider sollen außerdem ihr gesamtes Trinkgeld behalten dürfen.

Die Bezahlung bei den Lieferdiensten läuft folgendermaßen: Pro ausgelieferte Bestellung bekommen Rider einen Betrag, bei Wolt und Foodpanda sind das um die 4 Euro. Unterschreitet die Summe der ausgelieferten Bestellungen pro Stunde die 11 Euro, bekommen die Rider bei beiden Diensten den Stundenlohn ausgezahlt. Auch Gorillas verfährt seit Neuestem nach diesem Modell.

Nach der Befristung wird's schlechter

Ein ehemaliger Programmierer arbeitet seit Februar bei Wolt. „Ich habe meinen Bürojob gekündigt, weil ich die Tage nicht mehr hinter dem Schreibtisch verbringen wollte“, sagt er. Als er seine Arbeit als Rider begann, schneite es in Berlin – das schlechte Wetter sieht er als Teil seiner Arbeit. „Die findet nun mal draußen statt“, sagt er. Generell gefällt ihm die Arbeit, man könne gutes Geld verdienen. Doch er habe in der Vergangenheit auch Probleme mit dem Support des Unternehmens gehabt, und viele Kol­le­g:in­nen hätten mehrere Monate keinen Lohn erhalten. Am meisten stören ihn allerdings die befristeten Verträge.

Denn: Wenn die Rider ihr Arbeitsverhältnis verlängern wollen, müssen sie neue Verträge mit meist niedrigeren Lohnvereinbarungen unterzeichnen. Wohl ein Grund dafür, dass so viele Rider zum Konkurrenten Foodpanda gewechselt sind, der unbefristete Verträge anbietet, vermutet der Fahrer. „Man sieht ja, dass die Stadt voll mit Werbekampagnen von Wolt ist“, sagt er, „das liegt daran, dass ihnen die Leute weggelaufen sind.“

So war es auch bei einer Riderin, die fünf Monate für Wolt Lebensmittel ausgeliefert hatte, bevor sie im Mai zur Konkurrenz gewechselt ist. Sie habe unterschrieben, keine Details über das Arbeitsverhältnis preiszugeben, deswegen möchte sie anonym bleiben. Bei Wolt habe sie besonders gestört, dass es keinen festen Zahltag gab. Das habe ihr die finanzielle Planung erschwert. Auch habe sie oft wochenlang auf Antworten vom Support gewartet. Zu Beginn schien ihr der Job bei Foodpanda tatsächlich besser: Die Rücksäcke waren leichter, bequemer und die Verträge unbefristet – im Gegensatz zu Wolt, wo die Rider mit einer maximalen Vertragsdauer von sechs Monaten angestellt werden.

„In Zucker umwickelte Lüge“

„Bei Foodpanda hat mir besonders gefallen, dass ich mir die Zone aussuchen konnte, in der ich Lebensmittel und Restaurantgerichte ausliefern sollte“, sagt sie. Sie habe auf kürzere Fahrwege gehofft. „So wollte ich vermeiden, dass ich zu Schichtende weit weg von zu Hause war und noch eine Stunde Heimweg einplanen muss“, sagt sie. Aber das erwies sich als eine „in Zucker umwickelte Lüge“, sagt sie: „Wir können zu Schichtbeginn zwar eine Startzone wählen, die fällt aber in ein größeres Liefergebiet.“ Deswegen seien die Fahrtwege letztendlich doch länger als gedacht. „Als ich das rausgefunden habe, habe ich mich betrogen gefühlt“, sagt die Riderin.

Warum aber ging der Protest vor allem von den Gorillas aus? „Sie versammeln sich vor den Warenhäusern und warten dort gemeinsam, bis Aufträge eingehen“, sagt der Wolt-Rider. „Die Gemeinschaft untereinander scheint stärker zu sein“, vermutet er. Bei Wolt würden sich die Fahrradkuriere, die individuell Restaurantbestellungen ausliefern, zwar grüßen, wenn sie sich auf der Straße entgegenfahren, generell nehme er die Arbeit aber als „isolierter“ wahr.

Auf den wilden Streiks vor den Warenhäusern von Gorillas haben die Rider für korrekte und pünktliche Löhne und regelmäßig gewartete Fahrräder gestreikt. Sie beschwerten sich über lockere Sattel und brechende Lenker. Während Getir, Flink und Gorillas ihren Ridern Fahrräder stellen, fahren Kuriere bei Wolt, Lieferando oder Foodpanda bislang für eine Entschädigung im Cent-Bereich pro gefahrenen Kilometer ihr eigenes Rad. Das könnte sich ändern. Vergangene Woche war eine Klage eines Lieferando-Kuriers vor dem Bundesarbeitsgericht erfolgreich. Demnach haben Rider einen Anspruch auf ein Diensthandy und auf ein Dienstfahrrad, das die Unternehmen ihren zur Verfügung stellen müssen.

Die Fah­re­r:in­nen von Lieferando sind die Ersten, die jenen von Gorillas nacheifern und sich in einem Workers Collective organisieren. Ein Brief mit der Forderung nach besserer Ausstattung, wie Handschuhen, wurde vergangene Woche an die Unternehmenszentrale geschickt. Sollten die Forderungen nicht erfüllt werden, droht das Collective auf einer neuen Twitterseite mit „weiteren Aktionen“.

Der Protestaufruf der Gorillas-Rider für Dienstag 17 Uhr vor dem Warehouse in der Muskauer Straße in Kreuzberg könnte auf große Solidarität anderer Fah­re­r:in­nen stoßen. „Ich denke, dem Streik werden sich viele anschließen und für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen“, sagt die Foodpanda-Fahrerin.

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