Arbeiter auf den französischen Antillen: Anerkennung von Pestizid-Opfern

Frankreich erkennt Prostatakrebs bei Arbeitern auf Bananenplantagen fortan als Berufskrankheit an. Diese können nun Entschädigung beantragen.

Bananen werden in Wasser gereinigt.

Geerntete Bananen auf einer Plantage in Martinique Foto: Benoit Durand/Lucas/imago

PARIS taz | Egal ob bio, fair gehandelt oder in der kleinen rosa Variante: Viele Bananen in französischen Supermärkten kommen von den Antilleninseln Martinique und Guadeloupe. Die Südfrüchte sind zwar ein wichtiges Exportgut für die Übersee-Départements, haben dort aber auch ein giftiges Erbe hinterlassen. Um Insekten wie den Rüsselkäfer zu bekämpfen, setzten die Bauern jahrzehntelang das hochgiftige Pestizid Chlordecon ein, und zwar auch noch zu einem Zeitpunkt, an dem es in Kontinentalfrankreich und den USA bereits verboten war. Die Folge: Die Prostatakrebsrate ist auf Martinique und Guadeloupe so hoch wie nirgendwo anders auf der Welt.

Vor Weihnachten erkannte die französische Regierung Prostatakrebs für die Bananenbauern deshalb als Berufskrankheit an. Damit können die Betroffenen Entschädigung beantragen, wenn sie dem Gift mindestens zehn Jahre ausgesetzt waren und zwischen dem Kontakt mit dem Pestizid und der Krebsdiagnose weniger als 40 Jahre liegen. Mehr als 90 Millionen Euro stellte die Regierung dafür bereit. Schon 2018 hatte Präsident Emmanuel Macron bei einem Besuch auf den Antillen von einem „Umweltskandal“ gesprochen. Es war ein verstecktes Schuldeingeständnis, denn der Staat war laut einem 2019 veröffentlichten Parlamentsbericht der „erste Verantwortliche“ der Chlordecon-Verseuchung auf den Karibikinseln.

Zwischen 1972 und 1993 wurde das Pestizid auf den Bananenplantagen in Martinique und Guadeloupe eingesetzt. Tausende Hektar Boden sind verseucht, das Wurzelgemüse dort ist ungenießbar – und zwar für mehrere Jahrhunderte. 90 Prozent der Bewohner der beiden Inseln tragen das Gift in sich. Der Skandal führte auf den französischen Antillen zu einem tiefen Misstrauen gegen die Zentralregierung, das sich in einer extrem niedrigen Impfquote gegen Covid-19 auf Martinique und Guadeloupe zeigt.

Die zuständige Kommission im Landwirtschaftsministerium hatte schon 1969 gewarnt, dass Chlordecon die Umwelt vergiften könne. Dennoch erteilte sie eine vorläufige Genehmigung, das Pestizid zu nutzen, die immer wieder verlängert wurde. Erst 1993 – drei Jahre nach Kontinentalfrankreich – wurde das Gift auf den Antilleninseln verboten.

Kein Unfall, sondern ein Verbrechen

2005 kam ein Parlamentsbericht erstmals zu dem Schluss, dass das Grundwasser von Guadeloupe und Martinique hundertmal mehr Chlordecon enthielt als eigentlich erlaubt. Fünf Jahre später ergab eine Studie des Journal of Clinical Oncology, dass das Prostatakrebs-Risiko bei Menschen, die mit Chlordecon arbeiteten, deutlich erhöht ist. Dennoch dauerte es bis 2018, bis Macron von „kollektiver Blindheit“ sprach, die für den jahrzehntelangen Einsatz des Gifts verantwortlich gewesen sei.

Ein Arbeiter trägt in Plastik verpackte Bananen.

Arbeiter auf einer Bananenplantage in Martinique Foto: Benoit Durand/Lucas/imago

„Der Chlordecon-Skandal ist kein Unfall, sondern ein Verbrechen riesigen Ausmaßes“, kommentierte die Zeitung Le Monde im vergangenen Jahr. Den Gewerkschaften auf den Antillen, die seit Jahren für Entschädigungen demonstrieren, geht die Anerkennung von Prostatakrebs als Berufskrankheit nicht weit genug. Sie fordern, die verseuchten Böden zu entgiften und nicht nur Bananenbauern, sondern auch andere Giftopfer zu entschädigen. So kann das Pestizid auch andere Krebserkrankungen hervorrufen, bei Schwangeren zu Frühgeburten führen und die Entwicklung von Babys beeinträchtigen.

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