Anti-Drogen-Einsatz in Brasilien: Blutbad in der Favela

Bei einem Polizeieinsatz im Norden von Rio de Janeiro sterben 25 Menschen. Es war der blutigste Einsatz in der Stadtgeschichte.

Bewaffnete Polizisten stehen in einer Gasse

Polizisten während des Einsatzes gegen Drogendealer in der Favela Jacarezinho Foto: Ricardo Moraes/reuters

BERLIN taz | Mit Wasser aus Eimern versuchten die Be­woh­ne­r*in­nen der Favela Jacarezinho die Blutlachen wegzuspülen. Es sind grausame Videos, die in sozialen Medien zirkulieren. 25 Menschen starben am Donnerstag bei einem Polizeieinsatz im Norden von Rio de Janeiro. Es war der blutigste Polizeieinsatz in der Geschichte der Stadt.

Po­li­zis­t*in­nen und Dro­gen­dea­le­r*in­nen hatten sich seit den Morgenstunden heftige Gefechte geliefert. Mit mehr als 200 schwer bewaffneten Beamt*innen, Scharf­schüt­z*in­nen und Hubschraubern rückte die Polizei in die Favela vor. Bei der Opfern soll es sich um 24 Mitglieder des Comando Vermelho (Rotes Kommando) und einen Beamten der Anti-Drogen-Einheit der Zivilpolizei handeln. Die Schusswechsel waren so stark, dass sogar zwei Passagiere eines vorbeifahrenden Zuges durch verirrte Kugeln verletzt wurden. Die Polizisten nahmen sechs Personen fest, beschlagnahmten Drogen und Waffen.

„Ich bin sehr zufrieden mit dem Einsatz“, erklärte der stellvertretende Polizeichef von Rio de Janeiro, Rodrigo Oliveira, auf einer Pressekonferenz. Auch viele rechte Medien lobten den Einsatz. Soziale Bewegungen und Favela-Organisationen sprechen derweil von einem „Massaker“ und erheben schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

Sie streiten ab, dass alle Opfer bewaffnet waren, einige der Opfer sollen „hingerichtet“ worden sein. Ein Toter soll von Polizisten auf einen Stuhl gesetzt worden sein und den Daumen in den Mund gesteckt bekommen haben. Zudem berichten Be­woh­ne­r*in­nen von weiteren schweren Menschenrechtsverletzungen: Po­li­zis­t*in­nen sollen in Häuser eingebrochen sein, Zeu­g*in­nen attackiert und Handys beschlagnahmt haben.

Umstrittene Einsätze in der Pandemie

„In Brasilien gibt es keine Todesstrafe“, sagte die linke Politikerin Renata Souza in einem Twitter-Video. „Deshalb darf die Polizei nicht entscheiden, wer zu leben und zu sterben hat.“ Der Oberste Gerichtshof hatte Polizeieinsätze während der Pandemie eigentlich ausgesetzt und nur noch in „absoluten Ausnahmesituationen“ erlaubt.

In keinem anderen Land der Welt sterben so viele Menschen bei Polizeieinsätzen wie in Brasilien

Nach der Entscheidung gingen die Polizeioperationen tatsächlich zurück, doch sollen sie laut Favela-Bewohner*innen in den letzten Monaten wieder stark zugenommen haben. Die Polizei von Rio de Janeiro erklärte derweil, bei dem gestrigen Einsatz alle Vorgaben des Obersten Gerichtshofes eingehalten zu haben.

„So traurig es auch ist: Der Einsatz gestern war nichts Neues. Polizisten dringen in Favelas ein, treffen auf bewaffneten Widerstand und es kommt zu vielen Toten“, sagt der deutsche Kriminologe Dennis Pauschinger, der an der Université de Neuchâtel im schweizerischen Neuenburg zu Polizei und Innerer Sicherheit in Brasilien forscht, der taz. In Rio de Janeiro herrsche eine „Kriegslogik“, befeuert von Politik, Medien und der Polizei. „Deshalb ist leider damit zu rechnen, dass so etwas immer wieder passiert“, meint Pauschinger, der die nun im Fokus stehende Polizeieinheit in Rahmen seiner Forschung begleitete.

Immer wieder kommt es in den Favelas von Rio de Janeiro zu schweren Gefechten zwischen Polizei und schwer bewaffneten Drogendealern. In keinem anderen Land der Welt sterben so viele Menschen bei Polizeieinsätzen wie in Brasilien: Im Jahr 2019 töteten Sicherheitskräfte 5.804 Menschen. Häufig geraten auch Unschuldige in den Kugelhagel. Alleine im Jahr 2020 wurde zehn Kinder durch verirrte Kugeln getötet.

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