: Anpassen, bitte!
■ In der Urania lagen die Ostdeutschen auf der Couch
Schöneberg. Der Ossi war süchtig. Sehn-süchtig nach dem Westen. Und er hatte kein Selbstbewußtsein. Er fühlte sich als Deutscher zweiter Klasse und durfte keine eigene Meinung haben. An Selbstverwirklichung hat er noch nicht mal gedacht. Deshalb schielt er auch heute auf den Wessi, der scheinbar alles hat und Leid nicht kennt. Behaftet mit dieser »oralen Neidsituation«, verfällt der Ostler in Aggressionen gegen Ausländer oder Stasi oder in DDR-Nostalgie.
So einfach ist das. Jedenfalls für Nervenärztin Erika Plöntzke. Am Montag abend in der Urania hatte sie das Rezept mitgebracht, wie sich die Ostdepressionen heilen ließen: »durch Kognition, also Informationen über die westdeutsche Art zu leben, und Gefühl, nämlich das Leben und Schicksal annehmen«. Also: erneute Anpassung an eine vorgegebene Situation. Während Hans-Joachim Maaz, Psychotherapeut aus Halle und Buchautor, dafür plädiert, doch erst mal auf die eigenen Gefühle zu hören, hält Plöntzke den rationalen Umgang mit der Verunsicherung für richtig.
Die rund hundert ZuhörerInnen hielten von dieser einfachen Analyse nicht viel. Das machte die Diskussion im Anschluß an ihren Vortrag spannend. Die Pauschalsätze der Ärztin wurden präzisiert, es fand ein Gespräch zwischen Ostlern und Westlern statt.
Das Vorurteil, daß es den Westlern so gut ginge, wurde von den Westberliner Zuhörern heftig angegriffen. Die Ostler müßten begreifen, daß nicht sie allein leiden. Auch im Westen gebe es schließlich Arme. Viele fühlten zudem einen enormen Druck und würden sich in Therapie begeben. Einen großen Unterschied dazu sahen die Ostteilnehmer aber nicht. Alle scheinen unter den Anforderungen unseres Lebens zu leiden.
Auch das heikle Thema »Vergangenheitsbewältigung« wurde nicht ausgespart, hatte sich doch Frau Plöntzke mit dem harmlosen Spruch: »Die Bespitzelung des Ehepartners ist vergleichbar mit einem Ehebruch, von dem der andere weiß« und: »Die ganze Stasi-Sache wird hochgepuscht« in die Nesseln gesetzt. Es dürfe nicht verdrängt werden, wurde entgegengehalten, »im pauschalen Leben liegt die Falle für Ostler und Westler».
Um die Isolation zu brechen, in die sich viele von denen, die sich bei Plöntzke in Behandlung befinden, hineinretten, schlug eine Zuhörerin vermehrt Selbsthilfegruppen vor: »Dann sehen die Leute, daß sie nicht alleine sind.« Die Diskussionsbereitschaft an diesem Abend läßt den gleichen Schluß zu. sos
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